Quo vadis mein Thailand?

Heute einmal eine sehr persönliche Wochenkolumne. Denn mich beherrscht ein seltsames Gefühl. Zum ersten Mal nach 14 Jahren in Deutschland könnte ich, selbst wenn ich wollte, nicht ins nächstbeste Flugzeug steigen, um in mein Heimatland zu fliegen. Egal wie es mir gerade in Deutschland gehen würde und egal was gerade in Thailand mit meiner Familie wäre. „Glai baan“, deutsch „Heimweh“, empfinde ich in diesen Tagen. Und ein Gefühl abgeschnitten zu sein, das ich so noch nicht kannte. Und Sorgen mache ich mir: über mein Heimatland Thailand und wie es diese Krise überstehen wird. Die „Mi allai may“-Wochenkolumne, heute von Sureerat.

Sureerat, Herausgeberin von Thainess.de:

Nachdenken über Thailand in der Corona-Krise.

Viele meiner deutschen Freunde und Kunden bedauern sehr, dass es dieses Jahr wohl nichts wird mit dem Thailand-Urlaub. Sie vermissen jetzt schon die Sonnenuntergänge am Strand, die leckere Thai-Küche, die Freundlichkeit der Menschen, die Wärme, die den heimischen Winter vergessen lässt.

Ich kann das sehr gut verstehen. Und dieses Fernweh, dass viele Thailand-Traveller erfasst, die nicht wissen, wann sie überhaupt wieder reisen dürfen, das erfasst mich auch. Nur in meinem Fall ist es Heimweh. Und ich glaube, vielen meiner thailändischen Landsleuten in Deutschland geht es dieser Tage ähnlich.

Ich habe mich vor 14 Jahren für ein Leben in Deutschland entschieden, an der Seite meines Mannes mit unseren – inzwischen – zwei Kindern. Es ist mir gut ergangen in meiner neuen Heimat. Und ich habe mich noch nie unsicher, ausgegrenzt oder einsam gefühlt in meinem Gastland. Auch jetzt, in Zeiten der Krise, fühle ich mich persönlich, ökonomisch und gesundheitlich sicher in Deutschland. Aber über dieser Coronakrisen-Zeit liegt für mich doch ein Gefühl der Haltlosigkeit.

Denn obwohl mein Leben in Deutschland gut verläuft, habe ich mich natürlich immer sehr auf den nächsten Trip in meine thailändische Heimat, zu meiner Familie, meinen Freunden, meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen gefreut. Einmal im Jahr Heimat auftanken sozusagen oder auch mal seltener, wenn es nicht anders geht. Aber immer mit der Perspektive: der nächste Trip kommt bestimmt und wenn zwischendurch etwas besonderes anliegt, etwa der Todesfall eines sehr nahen Verwandten oder eine andere Krise in meiner geliebten Familie oder ein Vorkommnis, dass mir in Deutschland passieren würde, dann wäre es mir eigentlich immer möglich, recht spontan in meine Heimat aufzubrechen.  Zur Zeit jedoch nicht! Das macht mich traurig.

Aber das ist nicht das einzige, was in diesen Tagen mit Blick auf Thailand meine Stimmung trübt. Ich mache mir Sorgen. Um mein Land, um die Menschen, natürlich auch um meine Familie. Quo vadis Thailand? Bai nai Siam?

Kein Land der Welt ist ohne eigene Probleme. Weder Deutschland noch Thailand noch sonst eines. In meinem Land hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Das ist auch normal für ein Land, das zur internationalen Kategorie der sogenannten „Schwellenländer“ zählt. Wie wird aber Thailand nun die Veränderungen durch Corona verkraften? Den Einschnitt im Tourismus und bei den Exportgütern? Die um sich greifende Arbeitslosigkeit und den Totalverlust des Einkommens vieler kleiner Selbstständiger? Den zurückgehenden Konsum und die – auch im Vergleich zu anderen Ländern der Welt – überdurchschnittlich hohe Schuldenlast bei vielen privaten Haushalten?  Wird das Land genug Geld haben, um seinen Bewohnern zu helfen und all die geplanten und notwendigen Infrastruktur-Erneuerungen – zum Beispiel in der Region des „Eastern Seaboard“ südlich von Bangkok bis Rayong – umsetzen zu können? Oder den geplanten Ausbau der Bahnstrecken? Wie wird sich das Verhältnis zu unseren ebenfalls von der Krise erschütterten Nachbarländern, insbesondere zu China, entwickeln (siehe „Chinesen in Thailand“)?    

Natürlich ist nicht nur Thailand von den Corona-Auswirkungen betroffen. Auch in der Mitte Europas spüren wir die heftigen Einschnitte. Doch wie werden sich die Folgen des unvermeidbaren Lockdown auf die sonst nie versiegende Vitalität, Lebensfreude und Freundlichkeit der Thai – auch und gerade gegenüber Besuchern und Touristen auswirken? Werden wir Thai zu unserem Lächeln, zu „Sanook“ und „Sabai“ zurückfinden, also dieser besonderen Lebenskunst, einen Augenblick des Glücks erleben zu können, egal wie viel Trübsal um einen herum existiert?

Skulptur vor dem Bangkok Art and Culture Centrum (BACC) an der Rama I Road.

Viele meiner Landsleute, aber auch regelmäßige Thailand-Touristen und Dauerresidenten, die ich kenne, lindern derzeit die schlimmste Not mit großzügigen Spenden vor allem an diejenigen, die sofort und komplett mittellos geworden sind, oft auch obdachlos. Das finde ich großartig. Aber darüber hinaus braucht mein Land einen Plan, wie es weitergeht nach dem Lockdown. Schon steigen dieser Tage wieder die Aktien an der Stock Exchange of Thailand. Aber die wirtschaftlichen und sozialen Folgen werden noch lange spürbar sein. Thailand und die Welt werden nicht so bleiben, wie sie vor Corona waren. Doch meine Hoffnung ist, dass es nicht automatisch schlechter werden muss, sondern besser werden kann, wenn alle ein Stück zusammenrücken. In Thailand. In Deutschland. Auf der ganzen Welt und innerhalb der ganzen Welt. Und sich nicht vor allem gegenseitig beschuldigen und auszustechen versuchen.

Ich hoffe für uns alle, egal ob regelmäßige Thailand-Besucher oder thailändische Staatsbürger im Ausland, dass wir so schnell wie möglich die Reisefreiheit zurückgewinnen, die uns, unsere Länder und Kontinente miteinander verbindet. Und dass wir bald alle wieder wunderschöne thailändische Sonnenuntergänge genießen können – egal ob am Strand, über den Reisfeldern im Isaan oder über der Skyline von Bangkok im Landeanflug. Ich vermisse meine Heimat. Mehr als sonst. Auf bald, Müang Thai. Hoffentlich.

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