Thailands aktuelle Lage: Schokolade statt Waffen?

Politischer Protest, Straßendemonstrationen, Umstürze und Putsche sind in Thailand seit 1932 eigentlich fast nichts Besonderes. Doch diesmal könnte das anders sein. Gründe hierfür und einen Blick auf die aktuelle Lage am heutigen Samstag, 17. Oktober, dem vierten Tag der Proteste trotz Notstandsverordnung, in diesem Thainess-Extrabeitrag.

Heute finden – trotz Notstandsverordnung – am vierten Tag in Folge in Thailand Proteste gegen die etablierte Politik des Landes statt.

Obwohl in Bangkok der öffentliche Nahverkehr durch Regierungsanordnung quasi lahmgelegt ist, versammeln sich derzeit an fünf Orten der Hauptstadt größere Gruppen von Protestierenden, an weiteren Orten kleinere Gruppen.

Nachdem bereits gestern Abend mindestens in den Städten Chiang Mai, Khon Kaen und Bang Saen ebenfalls Demonstrierende auf die Straße gingen, berichtet die Bangkok Post (siehe englischsprachigen Artikel anbei) von Demonstrationen in mindestens 17 weiteren Provinzen am heutigen Tage. Damit ist der Protest – im Unterschied zu früheren Situationen – offenbar deutlich über Bangkok hinaus gekommen.

Ein Grund dafür ist ohne Zweifel die starke Kommunikation der Thais in den social media. Obwohl in Thailand eine strenge „internet crime“-Gesetzgebung herrscht, ist die schiere Menge an Solidarisierungsbekundungen, Likes, Shares und Posts nicht mehr zu übersehen. Derzeit scheint die Beschränkung von Inhalten in Thailand durch die User nahezu komplett ignoriert zu werden. Und es sind offenbar längst nicht mehr nur junge Menschen, die sich auf der Straße oder im Netz dem Protest anschließen.

Auch wenn sich manch einer an „alte Zeiten“ und alte Konfliktverläufe – etwa in den Jahren 1992 oder 2013 – erinnert fühlt: dieses Mal ist das ein oder andere anders.

Zum einen ist es nicht die alte Rot-Gelb-Front, an der sich der Konflikt entlanghangelt.

Zum zweiten legen die Anführer des Protestes und die meisten ihrer Anhänger bisher sehr großen Wert darauf, jedwede Gewalt zu vermeiden.

Zum dritten wird jeder Protest und jedes Regierungshandeln im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts – fast überall auf der Welt und jetzt auch in Thailand – online in Echtzeit gespiegelt.

Und zum vierten: dieser Protest ist nicht von einer der etablierten politischen Kräfte „bestellt“ oder gar bezahlt. Er hat sich offenbar aus sich selbst heraus entwickelt und aus dem Freiheitsdrang sowie der weltweiten Vernetzung seiner Protagonisten. Es ist alles in allem ein Protest in der Form des 21.Jahrhunderts.

Nun wird es darauf ankommen, ob der thailändische Staat und seine Institutionen ebenfalls auf der Höhe der Zeit darauf reagieren oder die altbekannten Reaktionsmuster angewendet werden. Es steht jedoch zu befürchten, dass ein Einschreiten nach alter Denkart die Lage nur kurzfristig bereinigen wird. Die Situation Thailands ist zur Stunde daher – und wir schreiben dies wohlüberlegt – offener denn je seit 1932.

Update vom 25. Oktober: „Deutsche Botschaft im Visier der Demonstranten“:
Update am Freitag, 23. Oktober: „Hoffnung“
Ein Update am Donnerstagvormittag, 22. Oktober:
Ein Update zur Lage am Mittwoch, 21. Oktober
Ein überaus lesenswertes Interview zur Lage am Dienstag, 20.10. und zu Perspektiven des Konfliktes in Thailand mit Pravit Rojanaphruk von Khaosod English:

https://taz.de/Journalist-ueber-Proteste-in-Thailand/!5720020/

Ein Update zur Lage in Thailand am Montagabend, 19.10.:

Noch ein Hinweis in eigener Sache:

Die Webseite und die Facebook-Präsenz von Thainess rufen weder zu Demonstrationen in Thailand oder sonstwo noch zur Unterzeichnung von Petitionen über Thailand oder sonstige Themen auf. Das ist Sache der Thailänderinnen und Thailänder und wir legen Wert darauf, hier keine postkolonial wirkenden Ratschläge zu geben.

Wir wollen durch Verlinkungen auf andere und durch unsere eigenen Texte nur einen Beitrag dazu liefern, dass sich unsere Leserinnen und Leser ihr eigenes Bild über Thailand im allgemeinen, über aktuelle Ereignisse mit Relevanz für Thailand sowie über Land, Leute, Orte, Geschichten und Geschichte machen. Grundlage für uns ist dafür deutsches Recht, insbesondere in Bezug auf Meinungs- und Informationsfreiheit.

Unsere Liebe zum Land kann dabei nichts brechen. Wir fühlen uns Thailand und seinen Menschen eng und freundschaftlich verbunden. Und wir wünschen dem Land nur das Beste für seine Zukunft, auch und gerade in diesen schweren Tagen.

Sawadhee khap.

Chokdee khap.

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