Land des verlorenen Lächelns?

Es ist die geliebte Leichtigkeit des Augenblicks, für die viele Gäste die Thailänderinnen und Thailänder bewundern. An dieser thailändische Lebensfreude – am besten beschrieben mit den beiden Worten „sanook“ und „sabai“ – nimmt man gerne Anteil. Einfach einmal allen Ballast bei Seite legen und den Moment genießen. Doch diese sehr thailändische Eigenschaft leidet in Zeiten, in denen durch eine Pandemie manche Schwäche des vermeintlichen „Land of Smile“ offengelegt wird und dort Probleme turmhoch wachsen. Unsere „mi-allai-may“-Kolumne ist daher auch diesmal leider keine einfache Kost und wirft einen Blick auf mögliche Untiefen des bisherigen „Land des Lächelns“.

„Einblicke in das Land des Lächelns.“ So heißt der Untertitel unserer Website. Und tatsächlich: In Thailand begegnet uns eigentlich auf Schritt und Tritt ein lächelndes Gesicht. Und meistens kommt man nicht umhin, mitzulächeln. Denn Lachen und Lächeln sind sprichwörtlich „ansteckend“. Im besten Sinne! Manche Thailänder im westlichen Exil wundern sich über die vielen ernsten, angespannten und bisweilen sogar scheinbar mürrischen Gesichter, die ihnen im Alltag fernab der Heimat begegnen. Dabei sind Westeuropäer vermutlich im Schnitt nicht öfter schlecht gelaunt als Asiaten. Nur sie zeigen eben selten ohne Anlass ein Dauerlächeln.

Das ist in Asien, und nicht nur in Thailand, anders. Und insofern wird auch immer wieder hinterfragt, ob denn Thailand zu Recht als einzige asiatische Nation für sich den Titel „Land des Lächelns“ in Anspruch nehmen darf. Und tatsächlich: ein Blick zurück und quer durchs Netz – bei Tourismuswerbung, Selbstbeschreibung oder Reportagen – verrät, dass dieses Attribut gerne auch einmal im Zusammenhang mit China, Japan, Kambodscha oder anderen asiatischen Ländern genannt wird.

Shanghai/China 2019

Im deutschen Sprachraum erblickte die Begrifflichkeit „Land des Lächelns“ übrigens durch die gleichnamige Operette von Franz Lehàr im Jahre 1929 erstmals das Licht der Sprachwelt. Und in dieser musikalischen Geschichte geht es tatsächlich um eine österreichische Grafentochter, die sich in einen chinesischen Prinzen verliebt. Also ist doch eher China dieses Land des Lächelns?

Die Chinesen selbst benutzen dieses Attribut nicht, obwohl dort zweifelsohne in alltäglichen Situationen viel gelächelt wird. Für sie ist China zuallererst das „Reich der Mitte“. Denn dieser Zusatz wird viel deutlicher ihrem eigenen, ewigen Anspruch gerecht, dass dieses bevölkerungsreichste Land der Welt mit seiner einzigartigen Geschichte, seinem kulturellem Erbe, seinem einstigen und neuerlichen Erfindungsreichtum in den Mittelpunkt des Universums gehört. Das Lächeln fällt da eher weniger ins Gewicht als Charakteristikum.

Und es gibt nicht wenige Japan-Fans, die Nippon als „Land des Lächelns“ bezeichnen, wie Fabienne Muff hier schreibt (Link hinterm Foto).

Sogar die Kambodschaner haben ihre erste Tourismus-Akquise-Kampagne 2006 mit dem Titel: “Lächeln der Khmer” gestartet.

Insofern ist vielleicht Asien insgesamt ein „Kontinent des Lächelns“.

„Wer lächelt, statt zu toben, ist immer der Sieger“, lautet denn auch ein altes japanisches Sprichwort, das eng mit dem thailändischen „Gesicht verlieren“ korrespondiert. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn der lächelnde Mund ist sozusagen eine „Grundeinstellung“ der asiatischen Mimik. Oft wird daher ein asiatisches oder thailändisches Lächeln als „falsch“, „gespielt“ oder „unecht“ wahrgenommen. Das ist jedoch unberechtigt. Denn Gefühle drücken Menschen aus Asien im Unterschied zu Europäern eher mit den Augen aus als mit dem Mund. Das ist ungewohnt für ihre Gäste, zumal diese oft nicht merken, dass ein asiatisches Lächeln auch Unsicherheit, Unbeholfenheit oder Scham ausdrücken kann, wie in diesem Artikel trefflich beschrieben:


Im englischen Sprachraum wird das „Land of smile(s)“ (siehe den gleichnamigen, in Thailand spielenden Kinofilm aus 2016) dagegen seit Beginn der touristischen Erschließung Thailands Ende der 1960er Jahre in erster Linie tatsächlich mit Thailand und nicht mit anderen asiatischen Ländern verbunden. Darüber berichtet Kelly Iverson in diesem Artikel (auf englisch):

Und so ist es auch erklärbar, dass sogar Thai Airways eine Teilmarke ihrer Flotte bzw. des Konzerns zeitweise mit „Thai Smile Airways“ getauft hatte.

Doch während wir Europäerinnen und Europäer noch über das thailändische Lächeln rätseln, ist es vor Ort zur Zeit aus manchem Gesicht verschwunden.

Das „Land des Lächelns“, von vielen als Urlaubsdestination und idealer Ort für Langzeitaufenthalte fernab des winterlichen Ungemach der Nordhalbkugel geliebt, wird derzeit komplett durchgeschüttelt. Seine ewigen und sich ewig steigernden grundsätzlichen politischen Auseinandersetzungen, die gesellschaftlichen Widersprüche zwischen Tradition und Moderne, die oft fehlende Perspektive für ökonomischen Fortschritt und gerechte Teilhabe aller daran, die ungebrochene Anfälligkeit für Korruption, das Ungleichgewicht zwischen Metropole und Provinzen und die allzu starke Fixierung nach innen auf die vermeintlich unvergleichliche „Thainess“ drohen dem Land angesichts des ultimativen Stresstest „Pandemie“ beinahe das Genick zu brechen.

Zuviel liegt zu lange schon im Argen. Lange vor der Pandemie. Hausgemacht. Eigenverantwortet. Der Kontrast zwischen der heilen Welt der Urlaubsdestination und des Berges von Problemen der Nation fiel bisher nicht jedem auf. Nun ist er offenkundig, entlarvt durch ein Weltereignis von tiefgehender Tragweite. Und alle sechs oben genannten Problemfelder haben ihren Beitrag zur heutigen Lage Thailands im zweiten Jahr der Pandemie beigetragen.

„Glück gehabt“.

Mit diesem Aufatmen startete Thailand in die Pandemie. Denn seit Jahren sind die Chinesen größte Touristengruppe im Land, bereisen zudem zahlreiche Chinesen auch als Geschäftsleute, Investoren und Geldanleger das Land. Trotz dieser engen physischen Verknüpfungen kam es entgegen der Erwartung von vielen Beobachtern nicht zu einem flächendeckenden Übergreifen des Virus von China, wo es im Dezember 2019 erstmals entdeckt wurde, nach Thailand.

Das lag ganz sicher vor allem zunächst einmal daran, dass die Chinesen – nach einer kurzen Zeit der Orientierungslosigkeit – in ihrem Land so ziemlich alles und ihr Land nach aussen komplett abgeriegelt haben. Keiner in den betroffenen Gebieten kam mehr raus – nicht aus der eigenen Wohnung, nicht aus der Stadt, in der es sich gerade befand und erst recht nicht aus dem Land. Bis heute herrscht eine extrem rigide Grenzpolitik in China – für Chinesen, die ausreisen wollen und für Einreisende egal aus welchem Land.

Was die Einreisepolitik angeht, ist Thailand dem Vorbild schnell gefolgt und hat das Land dicht gemacht bzw. Einreisen mit sehr hohen Auflagen versehen. Ebenfalls bis heute. Nur leider nicht so konsequent wie die Chinesen. Und das war der erste Widerspruch, für den Thailand inzwischen einen hohen Tribut zahlen muss. Denn natürlich ist es denjenigen thailändischen Firmenbossen, die glauben, in ihren Unternehmungen auf billige Arbeitskräfte – insbesondere aus den Nachbarländern Kambodscha und Myanmar – angewiesen zu sein, trotzdem gelungen, ihre Arbeitskräfte ins Land zu holen – offenbar ohne Tests oder Quarantäne, dafür womöglich mit „Bakschisch“. Denn Geld kann sich mit dem Virus nicht infizieren. So könnten Korruption und Ausbeutung eine Ursache für die heutige Lage geworden sein.

Gefunden bei Twitter.

„Ohne uns“.

Der zweite große Fehler in Thailand, an dem das Land bis heute leidet, war ein mentaler: Thailand hat das Virus – im Gegensatz zu anderen Ländern – nie als „sein“ Problem identifiziert, sondern immer für ein Problem von außen, oder besser gesagt, von Ausländern erklärt. Dies hat der nicht funktionierenden Abschottung noch zusätzlich in die Hände gespielt. Für Ausländer – unabhängig wie lange sie bereits in Thailand waren – gab es plötzlich keinen Zutritt mehr zu Restaurants, Frisörläden oder Transportbussen. Im Netz profilierten sich Politiker und ortsbekannte Größen als „Farang-Jäger“, wobei keineswegs nur Ausländer aus der westlichen Welt zu Zielscheibe wurden, sondern ebenso Chinesen, Japaner oder eben die Arbeitsmigranten aus den ärmeren Nachbarländern. Zwar verhängte die Regierung auch im Land Ausgangssperren, sperrte Strände, Swimmingpools und andere Einrichtungen. Doch das Narrativ, dass dieses Virus den Thais eigentlich nichts anhaben kann, wenn man sich nur konsequent genug vor dem Rest der Welt schützt, war schon in den Köpfen, hat sich dort gehalten und trug vielleicht mit dazu bei, dass – im Gegensatz zu anderen Ländern – weitere Strategien zur Pandemiebekämpfung erst sehr spät erwogen wurden. Wurde so auch die „Thainess“ den Thais zum Verhängnis? Und wurde in einer solch dramatischen, weltweiten Lage in Thailand das Fehlen einer Instanz, die in einer solchen Lage „Richtungsgeber“, „Ankerpunkt“, Vorbild sein könnte, besonders vermisst?

Wohlgemerkt: Niemand auf der Welt hatte für die Bewältigung einer solchen Ausnahmelage eine Blaupause. Viele Verantwortliche rund um den Globus waren mit einer Lage konfrontiert, für die es kein historisches Vorbild gab – zumal nicht in einer so eng miteinander verbundenen Welt wie heute. Viele Regierungen unterlagen Fehleinschätzungen, mussten Entscheidungen revidieren, Maßnahmen überdenken. Das lag auch daran, dass sich erst nach und nach fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse über das Virus erforschen ließen. Alle – die politisch Verantwortlichen, die Wissenschaft, die Menschen – starteten bei „Null“ in diese Pandemie und mussten eine riesige Lernkurve in kürzester Zeit nehmen. Nicht nur in Thailand, sondern überall.

Und ja, auch in Europa machte man in einer frühen Phase den Fehler zu glauben, Grenzschließungen – etwa die zwischen Frankreich und Deutschland, die für die Generation der bis 60jährigen zuvor vollkommen unvorstellbar gewesen war – könnten das Virus aufhalten. Schnell merkte man, dass dies natürlich nicht der Fall ist, denn das Virus verbreitet sich von Mensch zu Menschen und nicht von Land zu Land. Und dort, wo Arbeiten, Wohnen, Leben, Kultur und Konsum längst so miteinander verwoben sind wie an den EU-Binnengrenzen, kann man dies auch schlechterdings entflechten. Wozu aber die Grenzschließungen auch in der Mitte Europas geführt haben, waren hasserfüllte Reaktionen kleingeistiger Zeitgenossen beiderlei Geschlechts: beim Anblick eines Autos mit Kennzeichen aus dem Nachbarland oder eine andere Sprache sprechenden Menschen im Supermarkt. Wenn also schon kurzzeitige Grenzschließungen im seit 60 Jahren vereinten Europa zu solchen Reaktionen führen, wie mag das erst in Thailand sein?

Unangenehme Fragen: Dieser Tage gestellt auf der Webseite https://www.thailandsun.com

„Thainess“.

Aber vor allem: Im Unterschied zu Thailand hat Europa schnell gemerkt, dass man so ganz sicher nicht Herr über das Virus wird. Sondern dass es vor allem einen Königsweg für entwickelte und Schwellenländer mit halbwegs funktionierendem Regierungssystem gibt und zu dem man jeden einzelnen und jede einzelnen motivieren kann: Schützen und Impfen! Das Virus wird letztlich durch das persönliche Verhalten jedes Individuums bekämpft. Einmal kurz Fieber messen beim Eintritt in eine Shopping Mall reicht dabei ebenso wenig wie Masken aus ungeeignetem Material für den Eigen- und Fremdschutz. Und beim Impfen darf es nicht nur um einige wenige gehen, sondern darum, möglichst viele Menschen zu erreichen, damit es zu einer sogenannte „Herdenimmunität“ kommt. Dazu sind jedoch Impfangebote für alle, die sich im jeweiligen Land aufhalten, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit, notwendig. Und das zudem möglichst kostenfrei.

Thailand ist kein armes Land. Zwar hat es mit die höchste private Pro-Kopf-Verschuldung in Asien. Aber insbesondere der thailändischen Staat und das thailändische Königshaus haben solide (teil-)öffentliche Finanzen. Der langzeitige Höhenflug des Thai-Baht als sogenannte „Fluchtwährung“ für inflationsverängstigte Vermögende aus ganz Asien war dafür deutliches Zeichen. Exportüberhänge, namhafte Investitionsbeteiligungen, starke, fast monopolistisch agierende eigene Konzerne im Inland und nicht zuletzt der Tourismus sorgten lange dafür, dass – im Vergleich zu anderen Schwellenländern – viele Säckel des Landes, vor allem rund um Bangkok, prall gefüllt wurden. Es wäre daher für den thailändischen Staat deutlich weniger schwer als für andere Länder gewesen, möglichst frühzeitig eine große flächendeckende nationale Impfkampagne zu finanzieren und zu organisieren. Aber weil Thailand eben das Virus nur als „Problem von außen“ gesehen hat, wurden eben lange Zeit nur kleine Cluster bedient – etwa die Einwohnerinnen und Einwohner von Phuket, um das „Sandbox-Modell“ zu ermöglichen. Leitgedanke war auch hier: Wer Kontakt zu Nicht-Thais hat, muss besonders geschützt werden. Und wie einst bei Reisankaufprogrammen und 30-Baht-Krankenversicherung ereilte den ein oder anderen vielleicht auch ein Reflex, der die Denkart in der Hauptstadt immer wieder beeinflusst: Geld für die „Bauern“ außerhalb von Greater Bangkok einsetzen? Zum Impfen? Ist das denn wirklich nötig? Und reicht es nicht – weil die Gefahr ja ausschließlich von außen kommt – die Abschottungspolitik beizubehalten, die zwar einigen Wirtschaftsbereichen ökonomische Opfer abverlangt, aber doch deutlich günstiger ist als auch noch der letzten alten zahnlosen Reisbäuerin im tiefsten Sisaket eine Impfung zu finanzieren, die ihren Lebtag noch keinen „giftigen“ Ausländer getroffen hat? Ganz zu schweigen von vorsorglichen Maßnahmen zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheitsversorgung, die nun – in diesen Tagen – kurz vor dem Kollaps ist. So – sagen langjährige Beobachter – spiele auch Thailands tradierte gesellschaftliche und regionale Spaltung dem Virus in die Hände.

Und somit tat die Regierung außer der Selbstisolation des Landes: erst einmal nichts weiter. Jedenfalls nichts, was mit Fug und Recht als „Impfstrategie“ zu bezeichnen wäre. Bis es fast zu spät und Thailand kurz davor war, vom abgeschotteten Musterland zum Corona-Krisenland zu werden. Inzwischen ist die Impfkampagne angelaufen, mit einer nachvollziehbaren Priorisierung von Älteren, wie es andere Länder schon vor mehr als einem halben Jahr begonnen hatten. Längst hat die Impfkampagne nicht alle Provinzen flächendeckend erreicht, aber immerhin gibt es täglichen Fortschritt – teuer erkauft mit vielen inzwischen Erkrankten.

Wohlgemerkt, auch andere Länder, nicht zuletzt China oder Australien, haben Abschottung zu einem herausragenden Teil ihrer Pandemiestrategie gemacht. Aber eben nicht nur! Sondern in Verbindung mit breit angelegten Impfungen, Teststrategien und Sondermaßnahmen zur Stärkung des öffentlichen Gesundheitswesens, dazu Schutzmaßnahmen wie etwa das Tragen qualifizierter Masken und Quarantäne-Maßnahmen für diejenigen, die sich wirklich mit dem Virus infizieren. Im Unterschied zu China und Australien, ist Thailand – ähnlich wie Europa – eigentlich darauf angewiesen, die Grenzen nicht komplett zu schließen – für Arbeitsmigranten, für Touristen, für Geschäftsleute. Deshalb hat sich nun in Thailand eine ziemlich desaströse Situation eingestellt: Das Virus breitet sich zur Zeit noch nahezu ungehindert aus, mit katastrophalen Folgen für viele Menschen und das Gesundheitswesen. Und die Wirtschaft liegt in weiten Teilen auch danieder – weil Tourismus fehlt, weil Lieferketten gerissen sind, weil Binnenkonsum zusammenbricht.

Screenshot vom Prachathai-Facebook-Livestream am Samstag, 31. Juli: „Wir wollen die Spritze. Und eine neue Regierung.“

„Land der roten Zonen.“

Dieses von manchem Thai so empfundene „Staatsversagen“ wird also wohl mitverantwortet durch die langjährige thailändische Politik, befeuert die Kritik an ihr aber jetzt auch noch zusätzlich. Während in Europa die verlorenen Seelen der sogenannten „Querdenker“ auf die Straße gehen, um sich gegen das Impfen, die Masken oder allerlei herbeigeredete Verschwörungen zu wehren, die bestenfalls Hirngespinste sind, demonstrieren am Wochenende auch die Thailänder aus Anlass der Pandemie. Die waren aber auf der Straße, weil sie endlich geimpft werden wollen, mehr Schutz vor dem Virus verlangen, aber den richtigen, also den, der sie nicht um ihre Einkommensmöglichkeiten bringt. Und die Regierung Prayuth, wie schon im letzten Jahr, erneut zum Rückzug aufforderten. Denn das Land – das inzwischen beinahe überwiegend aus sogenannten „roten Zonen“ ohne jede Bewegungsfreiheit wegen hoher Inzidenz- und Krankenhausbelegungen besteht – ist quasi ökonomisch handlungsunfähig. Und wann, wie und ob dieser Zustand sich kurzfristig ändert, ist alles andere als klar – während die Lockdowns in Europa, die zu wirtschaftlichen Folgeschäden führten, allesamt von begrenzter Dauer waren und flankiert wurden von allerlei staatlichen Hilfsmaßnahmen vom Kurzarbeitergeld über Soforthilfen für Selbstständige bis hin zu Staatsbeteiligungen an Unternehmen. Auch darauf dürften Thailänder vergeblich hoffen. Bis auf ein Taschengeld, das nicht mal jeder und jede bekommt, ist staatliche Hilfe die Ausnahme, nicht die Regel. Stattdessen gehörte die thailändische Zentralbank im späten Frühjahr, als andere Länder ihre Mittel auf die Finanzierung von Impfstoffen und Hilfen für Wirtschaft und Beschäftigte konzentrierten, zu denjenigen, die – neben Ungarn und Brasilien – massiv auf dem internationalen Goldmarkt investierten. Erstmals seit 2011 erhöhte Thailand innerhalb von nur zwei Monaten (April und Mai) die Goldbestände seiner Zentralbank um 80 Prozent.  (siehe Link).

Hilfe gibt es allerdings, jedoch privat finanziert und organisiert: von Nachbarschaften, sozial engagierten Firmen, inländischen Hilfsorganisationen und bisweilen auch von Expats und ihren Thai-Familien.

Diese Pandemie könnte daher nicht nur politische, sondern auch ökonomische Schwächen Thailands offenlegen. Gestützt auf den Reichtum der Vergangenheit, die traditionelle landwirtschaftliche Stärke, die erfolgreiche industrielle Einbindung in internationale Lieferketten und auf die bisher niemals versiegenden Quellen des Tourismus war Thailand lange Zeit der Musterknabe der Region. Diese Stellung ist mindestens gefährdet. Während Vietnam und selbst Teile von Kambodscha boomen, verspielt die auf wenige Netzwerke reduzierte Thai-Wirtschaft gerade alle Wachstums- und Entwicklungsimpulse, wie Asien-Korrespondent Mathias Peer vor wenigen Tagen im Handelsblatt analysierte (siehe Link; Artikel inzwischen hinter der HB-Paywall)).

Schon wird wieder einmal wild spekuliert: Über einen Putsch gegen die einstigen Putschisten, was wie ein historischer Treppenwitz klingt. Über den König, der sich seit Wochen der Öffentlichkeit weitestgehend und ungewöhnlich intensiv entzieht, da wo andere möglicherweise als moralische Stütze besonders präsent gewesen wären. Über den Umgang mit Demonstrierenden, die wieder massiv aufgefordert werden, Zurückhaltung zu üben. Über die Möglichkeiten kritischer Berichterstattung innerhalb Thailands. Über den „Big Deal“ mit China, der Thailand endgültig zum Vollbestandteil der Seidenstraßenpolitik machen würde und eine Thai-Variante von „Chinese Governance“ befördern könnte. Über die Rückkehr von Thaksin, der jedoch – etwa in den Augen vieler junger Demonstranten des vergangenen Jahres – auch nur ein Teil des bestehenden, tradierten und sehr antiquiert wirkenden Systems alter, typisch thailändischer Machtkämpfe ist. Über die Jungen, die „digital natives“ und Hochgebildeten, die – wenn sie können – möglicherweise mit den Füssen abstimmen, nämlich das Land verlassen, damit zu einer „lost generation“ für Thailand würden, ausgerechnet in einer Situation, wo Digitalisierung und Disruption die Welt – unabhängig von der Pandemie – nachhaltig verändern und sie dringend gebraucht werden.

Wir wollen nicht spekulieren und wir haben keine Glaskugel.

Wir wissen nicht, wie, ob und wann das „thailändische Lächeln“ in die Gesichter unseres Sehnsuchtlandes zurückkehrt. Wir wissen aber, dass sich – wenn wir eines Tages in das geliebte Land zurückkehren – dieses Land erheblich verändert haben könnte. Und wir fürchten, dass die Veränderungen nicht oder zumindest nicht nur zum Besseren ausfallen.

„Der Irrtum über Comebacks besteht darin, anzunehmen, etwas sei nach der Rückkehr so, wie es vorher mal gewesen ist“ schrieb der Spiegel kürzlich über die kurzzeitige Öffnung im Rahmen des Phuket-Sandbox-Modell. Dieser Satz drückt am besten unsere tiefe Besorgnis aus, die uns ereilt, wenn wir in diesen Tagen an Thailand und an seine Menschen denken. Deshalb steht zwischen den Zeilen dieser Kolumne nichts besserwisserisches noch missionarisches, sondern vor allem Trauer und Desillusion. Thailand, our love, we feel with you.

„Ich bin inzwischen froh, in Europa zu sein. Geimpft. Mit staatlicher Unterstützung für meinen Laden und Kurzarbeiter-Geld für meinen Mann“, gestand mir zu meiner Verwunderung unlängst eine Thailänderin, die lange von „Glai Baan“, von Heimweh also, geplagt war. Und versicherte mir zugleich, dass viele ihrer Freundinnen ähnlich denken. Während manche europäische Stammbesucher Thailands immer noch ungeduldig auf eine baldige unbeschwerte Einreise in das Zielland ihrer Reiseträume hoffen und gerne spekulieren, ob es noch im Sommer, wenigstens im Oktober oder vielleicht doch spätestens zum Winter möglich sein wird, ohne Beschränkungen einzureisen und sich mit nervösem Finger durch die Buchungsportale klicken, wartet manche Thai erst einmal ab. Aber wie lange noch?

Es bleibt die Hoffnung, dass es wieder schön wird – in Thailand und andernorts. Anders als vorher, aber doch wieder lebenswert, frei und sonnig. Denn unsere Hoffnung stirbt zuletzt und ein Lächeln kann deine Welt verändern.

Keep smiling Thailand, please.


P.S.: Hier noch eine letzte Lese-Empfehlung zum Thema des ersten Teiles dieses Beitrags, „Thailand: Land des Lächelns“: http://www.gate-tourismus.de/wp-content/uploads/2014/07/itbvortrag00_kortlaender.pdf

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Unsere bisherigen Beiträge zur Lage in Thailand:




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