Das doppelte Neujahr in Thailand

Glückliche Thailänder: Mindestens zweimal im Jahr feiern sie Neujahr. Einmal im April und einmal heute Nacht zusammen mit dem Rest der Welt. Gedanken zum Jahreswechsel zwischen Pattaya, China, dem Isaan und dem Nicht-Reisen von unserem Redakteur Stephan.

Pattaya an Silvester vor der Pandemie: das sind vor allem Menschenmassen. Aus aller Herren Länder rund um den Globus. Der Balihai Pier  am Ausflugshafen ist dabei am Silvesterabend fast ausschließlich in asiatischer Hand. Es ist die erste Anlaufstelle für die Thais, die weder zur Upperclass noch zur Redlight-Szene gehören. Und das sind nicht wenige: Familien, Studenten, Betriebsgruppen. Pattaya ist zu normalen Zeiten an Silvester eine angesehene Party-Destination auch für die Thais geworden. Die Zeiten der absoluten  Farang-Dominanz waren schon vor Corona an einem solchen Tag passé. Bisweilen konnte man vor dem Tourismus-Lockdown schon den Eindruck gewinnen, dass die an Farang-Bedürfnissen orientierten Bierbars für die einheimischen Wochenend-Touristen fast schon so etwas wie dazugehörende Folklore waren. Man wunderte sich, staunte ein wenig, ärgerte sich sicher auch gelegentlich über in den Augen der Thais ungebührliches öffentliches Verhalten. Aber am Ende gehört das irgendwie zu dieser Destination dazu, ohne – wie früher – im absoluten Mittelpunkt zu stehen. Mai pen rai. Globalisierungszoo.

In nicht wenigen Dörfern Thailands jenseits der Zentren spielte das weltweite Silvesterfest dagegen lange Zeit kaum eine Rolle. Noch im letzten Jahrzehnt konnte es dem verwunderten Gast von jenseits des Thai-Horizontes passieren, dass im Dorf überhaupt keine Party stattfand – geschweige denn jemand bis Mitternacht wach blieb oder gar Feuerwerk gezündet hätte. Lediglich am Neujahrstag zog die Dorfbevölkerung zu einer Zeremonie in den örtlichen Wat. Ein paar Tage frei, aus den Metropolen und Industrieregionen nach Hause in die Provinz zur Familie fahren und es sich auf den Veranden der kleinen Landhäuschen bequem machen – bei reichlich Alkohol und Essen – war das wichtigste für viele Thailänder an dem weltweiten Neujahrstag.

Denn genauso wie das eigentliche thailändische Neujahrsfest, das im April als „Songkran“ gefeiert wird, sind die Tage um Silvester für viele, zumindest wenn sie nicht Beschäftigte im Tourismus oder einer Tourismus-nahen Branche sind, die einzige Gelegenheit, einmal ein paar Tage am Stück Urlaub zu machen. Ein jährlicher individueller tariflicher Urlaubsanspruch – wie wir in im Westen kennen ist in Thailand, auch in Industrieunternehmen, noch immer kaum verbreitet. In der Regel beschränken sich stattdessen die freien Tage auf buddhistische Feiertage und sich daraus ergebende lange Wochenenden und eben auf die Woche rund um das thailändische und rund um das weltweite Neujahr. Statt tariflich festgelegtem Urlaub bieten viele „Thai-Companies“ Gruppenreisen ihrer Belegschaft an oder feiern „Kinderfest“ mit den Familien ihrer Beschäftigten. Und diejenigen, die nicht abhängig beschäftigt sind, sondern zum Beispiel einen Markstand, eine Garküche, eine Landwirtschaft, ein Taxi oder ein 7/11-Elevenshop ihr Eigen nennen, kennen eigentlich gar keine freien Tage, schon gar nicht mehrere am Stück.

Die thailändischen Familien- und Freundesformationen, die endlich mal im berühmt-berüchtigten Pattaya Silvester feiern wollen und dazu aus Bangkok, Chon Buri oder Rayong angereist sind, suchen sich schon am frühen Abend nach Anbruch der Dunkelheit – vereinzelt sogar schon zuvor zum Sunset – einen Platz auf dem Bali Hai Pier, auf den dem Pier vorgelagerten Pontons oder dem nahegelegenen, kleinen Balihai-Beach, um sich dort gemeinsam niederzulassen. Verkaufsrenner dort: Alufolien. Lauter Verschwörungstheoretiker? Nein, der Strandsand kann zu später Stunde unangenehm kalt werden – für Thais. Und dagegen hilft die Folie. Es ist voll am Strand, an den Essensständen vor dem Pier und auf dem Pier. Trotzdem ist die Atmosphäre sehr familiär und entspannt, in Gegenteil zu anderen Teilen der Stadt. Vielleicht wandelt sich dies auch hier im weiteren Verlauf der Nacht – je nach Alkoholkonsum. Gegenüber, am Ufer mit dem riesigen, beleuchteten Pattaya-Schriftzug setzte übrigens irgendwann die Livemusik ein. Eine Thai mit Gianna-Nannini-Stimme versuchte sich live an Lady Gaga´s greatest songs. Den Thais scheint es offensichtlich gefallen zu haben, zumindest hat es sie, die ehedem auch in anderen Lebenslagen Lautstärke-resistent zu sein scheinen, nicht gestört. Geknipst wurde natürlich, was die Kameras hergaben. Nicht nur von mir, sondern irgendwie von allen. Aus der Hand, mit Stativ, mit Stick: Selfies, Groupies, Bestviews. Ich hoffe, die Speicherkarten reichten bis zum Feuerwerk.

Im Dorf haben die Jungen inzwischen mehr und mehr das Party-Machen zu Silvester entdeckt. Laute Musik, viel Alkohol und Ausgelassenheit beschallen in manchem Dorf die Nacht zum 1. Januar. Auch zu Songkran im April wird inzwischen oft die Nacht zum Tag gemacht. Aber dennoch ist im Thailand jenseits der Touristenzentren das Songkran-Fest noch sehr stark von Traditionen, Zeremonien und der thailändischen Glaubenswelt zwischen Buddhismus und Animismus geprägt. Und hat damit wenig zu tun mit den unübersichtlich hedonistischen Wasserschlachten und Kirmesumzügen, die den Songkran in Pattaya oder anderen Orten als doch eher sinnbefreite Super-Party erscheinen lassen.

Auch wenn sich die thailändische Jahreszählung – man ist hier unserer Zeit immerhin um 543 Jahre voraus – inzwischen am globalen Neujahr orientiert, der echte Neuanfang, die Bereinigung des Passierten, der Beginn des unbefleckten Neuen mit den leeren Seiten eines Tagebuchs des Lebens – das ist für die Thais eindeutig Songkran. Tief verwurzelt ist der Glaube, mit dem Wasser Altes zu reinigen und mit den Zeremonien sich neu aufzustellen für die kommenden 365 Tage ab dem 15. April. Und für die Menschen in Dörfern und die Traditionsbewussten in den Städten steht dies noch immer eindeutig im Mittelpunkt der drei Songkran-Tage.

Das weltweite Silvester und Neujahr teilen sich die Thais dagegen gerne mit Menschen aus aller Herren Länder – zumindest war dies bis vor der Pandemie so. Sogar damals am Bali Hai Pier waren es nicht nur die Thailänder, die die Gegend asiatisch bevölkerten. Besonders die Chinesen nutzten diesen Abend, um dort ein Stück „weltweites Neujahr“ mitzubekommen. Auch China feiert sein eigentliches, eigenes Neujahr nicht zusammen mit dem Rest der Welt. Das chinesische Neujahr beginnt – im Gegensatz zu dem in Thailand – nicht an einem festen Datum, sondern anlässlich des jeweiligen Neumonds zwischen Mitte Januar und Anfang Februar. Es ist – ähnlich wie Songkran in Thailand – der wichtigste Feiertag in China. In Pattaya sind die Chinesen daher Spektakel-Gäste eines Anlasses, der in ihrer Heimat nur eine untergeordnete Rolle spielt. Trotzdem – oder gerade deswegen – haben sie am Abend des Jahreswechsels Teile der Walking Street Pattayas und das Balihai Pier fast in ihrer Hand. Zumindest hat man aufgrund ihrer Dominanz und des Großgruppenauftritts den subjektiven Eindruck, es seien sogar mehr Chinesen als Thais vor Ort. Aber zu einem wirklichen „Come together“ zwischen den beiden Völkern reicht es nicht. Die Thais sind eher desinteressiert. Die Chinesen bleiben in ihren Gruppen – stets darum bemüht, ihrem Fähnlein-Träger zu folgen und rechtzeitig zum nächsten Hotspot zu kommen.

Dabei gibt es – was angesichts der geografischen Nähe nicht verwunderlich erscheint – viele gemeinsame Berührungspunkte, ähnliche Traditionen und Wurzeln, insbesondere mit den Chinesen aus der Yunnan-Region, die ethnisch enge Verwandte der heutigen Thailänder sind. Und natürlich sorgte der stetige Zulauf von emigrierenden Chinesen nach Thailand dafür, dass hier enge Verflechtungen entstanden. Und so feiern heute viele Thailänder – vor allem die Chinesischstämmigen oder mit Chinesen geschäftliche Verbundenen – gleich dreimal Neujahr pro Jahr: das „westliche“ mit der Urlaubswoche, das chinesische in der zweiten Januarhälfte und schließlich das eigene im April. Ein wunderbarer Umstand, dass man in Thailand gleich dreimal pro Jahr einen Neuanfang starten kann. Und für manche Thai sogar viermal: denn insbesondere im Süden des Landes und in der Hauptstadt Bangkok findet auch das islamische Neujahrsfest, das alljährlich zu Beginn des Monats „Muharram“ begangen wird, Beachtung.


Trotz der vielen Menschen am Bali Hai Pier gab es dort immer mal die Gelegenheit zu einem beobachtenden Rückzug, einem Innehalten. Ganz anders war es dagegen auf Pattayas Beachroad und erst in der Walking Street. Nicht einmal der Begriff „beängstigend eng“ traf dereinst die wirkliche Lage, besonders nach Mitternacht, wenn selbst die Jungen im Isaandorf längst ihren Mekhong-Whisky-Schlaf schlummern.

Während sich Pattayas Strandbereich nach dem Feuerwerk um Mitternacht relativ schnell leerte, strömen die Menschenmassen zurück in die Barzentren, Kneipen, Vergnügungsgassen und vor allem – Richtung Walking-Street!

Sogar der Versuch, sich darin treiben zu lassen, misslingt schon nach wenigen Metern. Man lässt sich hier nicht treiben: man wird mitgerissen. Ein Strom aus euphorisierten und alkoholisierten Menschen quillt durch die Straßen, Gassen und jede Furche, die nach Weg aussieht. Begleitet von einem selbst für Pattayas Verhältnisse apokalyptischen Verkehrschaos lenkt man nicht mehr seine eigenen Schritte, sondern geht in die Richtung, in die man geschoben wird. Vom Hintermann oder den Körperwellen, die regelmäßig durch die Masse fliessen. Kein Entkommen nach links, kein Entkommen nach rechts. Ein klaustrophobisches Erlebnis, auch ohne vorherige Symptome. Und der Alkohol ist allgegenwärtig: bei sich miteinander prügelnde Barladies; bei völlig betrunkenen Männern – insbesondere Ausländern aus der westlichen Welt – die völlig enthemmt und jenseits jeder Zurechnungsfähigkeit und jedes menschlichen Anstands agierten, soweit sie sich überhaupt noch einigermaßen auf den Beinen halten konnten; bei Gruppen, die – möglicherweise nicht einmal mit Absicht – eine unglaubliche Aggressivität in ihrem Auftritt vermitteln. Und schließlich bei insbesondere jungen, meist asiatischen Menschen, die in sich zusammengesunken am Rande des Deliriums zu wehrlosen Opfern ihres Alkoholkonsums am Strassenrand werden. Das alles gibt es wahrscheinlich zu Silvester in jeder anderen Stadt der Welt. Mein persönlicher Eindruck war jedoch: nirgendwo ist dies konzentrierter zu betrachten als auf den paar Quadratkilometer in „Downtown Pattaya“. Selten hatte ich mich intensiver in die belanglose Stille eines Isaan-Dorfes zurückgewünscht.

Silvester 2021 und Neujahr 2022 werden in Pattaya und den meisten Orten dieser Welt ohne Zweifel wieder deutlich überschaubarer ablaufen. Und den Wunsch von damals, mich augenblicklich aus der überlaufenen Walking Street in ein einsames, langweiliges Dorf irgendwo in Thailand zu beamen – dieses Gefühl habe ich auch jetzt gerade, ganz ohne Klaustrophobie.

Zwei Jahre hat eine bisher kaum vorstellbare, weltweite Pandemie das Dasein aller Menschen auf dieser Erde bestimmt, so wie vielleicht früher nur ein Weltkrieg das Leben unserer älteren Verwandten. Zwei Jahre mit Einschränkungen bei Festen, beim Reisen, im Beruf und in allen anderen Bereichen des Lebens. Für viele, die nicht reisen konnten oder nicht reisen wollten auch zwei Jahre ohne Thailand. Die Selbstverständlichkeit des Reisens – sie ist uns abhandengekommen. In manche Länder, China zum Beispiel, ist praktisch gar keine Einreise möglich, in andere, wie auch Thailand, nur unter schwierigen, dazu auch noch ständig wechselnden Auflagen. Und das Reisen selbst, mit Masken, Abständen, erhöhten Preisen auf Grund reduzierter Buchungszahlen – mit beschränkten Zugangsmöglichkeiten zu Sehenswürdigkeiten, Hotels, Stränden oder Restaurants und letztlich natürlich auch mit den Gefahren einer Ansteckung mit diesem tückischen Virus außerhalb der eigenen Vierwände – hat viel vom „Reiz des Unterwegsseins“ verloren und an Unsicherheit und Risiko gewonnen. Fast fühlt man sich an die Reise-Erinnerungen aus fernen Tagen erinnert, an lange von Seekrankheit geprägte Dampferfahrten Richtung Fernost, an unsichere Flugreisen mit vielen Zwischenstopps, an einst unüberwindbar geglaubte Entfernungen, die nur mit vielen Mühen und Entbehrungen von hochmotivierten Forschern., Entdeckern und Händlern überwunden werden konnten – nicht wenige davon erreichten ihr Zeil nie. In den letzten vierzig Jahren wurde das Reisen immer komfortabler, auch günstiger und zu einem Alltagsbestandteil, zu einem Bestandteil unserer Freiheit. Und gerade jetzt, wo wir im Westen in der freiesten aller Welten aller Zeiten leben, erleben wir diese Beschränkungen zu Gunsten von Gesundheit und Leben als eine besondere Herausforderung. Und viele finden dazu überhaupt keinen Umgang, flüchten in Irrationalitäten.

Die Thailänder reinigen ihr Haus, ihre Gedanken, ihr Karma. Nicht heute an Silvester, sondern im April an Songkran. Was für eine wunderbare Vorstellung: alles hinter sich lassen, was falsch ist, was belastet. Ein neues Tagebuch, einen neuen Kalender aufschlagen – unbeschrieben, bereit für positive Neuigkeiten. Wenig wird nach dieser Pandemie wieder so, wie es vorher war. Aber es kommt ganz sicher der Tag – hoffentlich im neuen Jahr 2022 – an dem wir uns aus der Enge der Pandemie, aus dem Treiben der Ereignisse, aus den Wellen, die uns in Richtungen steuern, befreien dürfen. Ohne andere zu gefährden, ohne Gefahren zu leugnen, sondern mit dem guten Gefühl, das Schlimmste überstanden zu haben. Es wird noch etwas dauern, aber der Tag wird kommen. Und wenn ich dann endlich wieder in der Einöde eines isaanischen Reisdorfs sitze, in brütender Hitze, in belangloser Stille, wird es sich wie eine Erlösung anfühlen.

P.S.: Herausgeberin und Redaktion wünschen allen Leserinnen und Lesern einen guten Start ins neue Jahr 2022. Vielen Dank für fast 80.000 Aufrufe unserer Webseite im Jahr 2021. Bleiben Sie an uns interessiert und uns gewogen.

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