Poolgedanken, Gedankenpool: Eine Zeit der Verunsicherung.

Eine gemütliche Poolparty irgendwo in Deutschlands Südwesten. Thai-deutsche Ehepaare und ihre Kinder treffen sich an einem Samstagnachmittag zum Planschen, Plaudern und natürlich zum ausgiebigen stundenlangen Tafeln, wie es bei Thais so üblich ist. „Sanook“ und „Sabai“ sind wie immer dabei. Und doch: Es ist in dieser Pandemie-Zeit anders als sonst. Die Monatskolumne, diesmal von Stephan.

Zwangsläufig abgesagte Urlaubsreisen und Verwandtenbesuche in Thailand und die Unsicherheit für alle, wann und unter welchen Bedingungen es wieder ins „Land des Lächelns“ geht, ziehen sich genauso durch die Nachmittagsgespräche wie die Erfahrungen der letzten Wochen mit der Pandemie. Geschlossene Thai-Massagen, Kurzarbeit, Zukunftsängste. Kinder, die wochenlang keinen regelmäßigen Schulunterricht hatten. Einschränkungen beim „kleinen Grenzverkehr“ nach Frankreich, die man so seit mindestens zwei Jahrzehnten nicht kannte. Man berichtet von französischen Arbeitskollegen in deutschen Unternehmen, die auf dem Hin- oder Heimweg attackiert wurden.  Und alle beklagen sich darüber, dass die thailändischen Frauen nur aufgrund ihres asiatischen Aussehens insbesondere zu Beginn des Lockdowns wiederholt von wildfremden Menschen in der Öffentlichkeit negativ konnotiert angesprochen wurden.

Es ist schockierend, wie viel Verunsicherung, sehr oberflächliche Reaktionen, tiefliegende Ängste durch Pandemie und Lockdown in kürzester Zeit ausgelöst oder freigelegt werden können. Ein Autokennzeichen oder eine Augenform reichen bereits, um Zielscheibe von Angst, Abgrenzung oder gar Aggression zu werden. Gestern noch schien die Welt unaufhörlich und stetig zusammenzurücken. Und heute scheint davon plötzlich nur noch wenig übrig zu sein. Und das gilt sicher nicht nur für die Lage in Deutschland, sondern in jedem anderen Land der Welt.

Gerade auch Thailand selbst – seit Jahrzehnten geliebte Tourismusdestination von Menschen aus alles Welt – betreibt eine strikte Abschottungspolitik, zwischenzeitlich sogar begleitet von Zwischentönen mit aggressiver Stimmungsmache gegenüber seinen Gästen aus aller Welt in den sozialen Medien. Und noch immer hat Thailand keinen Weg gefunden, wie es aus diesem touristischen Total-Lockdown wieder herausfinden soll. Reise-Bubble, Länderprioritäten, Quarantäne-Ideen oder andere Vorstellung von verstärkter Kontrolle werden diskutiert, teilweise sogar beschlossen, aber am Ende wieder verworfen oder zumindest nicht umgesetzt.

Man spürt allenthalben, dass nicht nur die Menschen in ihren persönlichen Reaktionen mit diesem unsichtbaren, unkalkulierbaren und erst einmal nicht so schnell wieder verschwindenden Feind „Virus“ überfordert sind, sondern auch Entscheidungsträger hier wie da oft verunsichert im Nebel stochern. Es gibt eben keine Blaupausen für eine Situation, die die durch Politik, Ökonomie, Verkehr, Tourismus aber eben auch durch Migration – etwa durch bikulturelle Partnerschaften – vernetzte Welt so noch nie erlebt hat. Ebola war weit weg. Der Vogel-, Hühner-, Schweine- oder sonstigen Epidemie konnte man verhältnismäßig sicher ausweichen. Gegen Malaria gibt es Medizin, gegen Typhus, Polio, Tetanus und anderes Impfungen und eine AIDS-Ansteckung lässt sich durch Prävention verhindern. Bei Covid19 scheint das alles – zumindest derzeit – nicht wirklich möglich zu sein.

Und so fühlen sich nicht wenige hilflos, verunsichert, ausgeliefert und versuchen, ihre Ängste zu kompensieren: Zum Beispiel dadurch, dass man längst überwunden geglaubte Vorurteile wiederbelebt und ausspricht, um das Unbegreifliche scheinbar begreifbar zu machen. Vielleicht ist das langfristig betrachtet der größte Schaden, den diese medizinisch zweifelsohne einzigartige Pandemie auslöst: Dass wieder so viel Misstrauen gesät werden kann – egal gegen wen und wo. Dass Menschen für die Fehler ihrer Regierungen in Mithaftung genommen werden. Dass Aussehen, Herkunft oder ethnische Zugehörigkeit wieder Mutmaßungen über Krankheiten, Charakter und Gefährlichkeit auslöst. Dass sich zum Beispiel Thailand, aber auch andere Länder, wieder ein Stück weit vom Rest der Welt entfernt haben. Und dass soziale Medien einen wunderbaren Beitrag dazu leisten können, dass sich Menschen virtuell miteinander vernetzen, aber genauso geeignet sind, um zu spalten, zu hetzen und Feindbilder zu pflegen. Social media sind halt nur ein Werkzeug, das man – wie jedes andere Werkzeug auch – zum Bauen oder zum Zerstören nutzen kann.

Der Nachmittag am Pool mit den befreundeten Thai-Familien war daher in dieser Zeit eine tröstliche Oase realer Begegnung. Mit fröhlich spielenden Kindern, unbeschwert schlemmenden Frauen und ruhig und freundschaftlich diskutierender Männer, die nicht immer einer Meinung sein mussten, um sich trotzdem oder gerade deswegen respektvoll und empathisch zu begegnen. Uns hat dieser thai-deutsche Nachmittag gutgetan. Vielleicht ist es im Rahmen der Möglichkeiten, die die Pandemie-Prävention zulässt, gar nicht schlecht, wieder mehr im realen Leben aufeinander zuzugehen als sich im Netz ständig misszuverstehen. Und das gilt vielleicht auch für die Thais und ihre weltweiten Gäste: wenn man sich endlich wieder begegnen kann, werden hoffentlich viele Ressentiments gegenüber den Thais und umgekehrt gegenüber ihren Besuchern wieder in den alten Schubladen verschwinden und man kann eine gute Zeit mit den meisten seiner Zeitgenossen verbringen. Wir wünschen uns das jedenfalls und setzen auf einen sommerlich-entspannten Juli.

Sawadhee khap! 

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