Thailands Zukunft: Kein Sprint, sondern Marathon.

Der von den Demonstranten für den 14. Oktober angekündigte Generalstreik blieb aus. Aber in Bangkoks Zentrum ergaben sich dennoch heute Szenen, die viele vor kurzem in Thailand noch nicht für möglich gehalten hätten. Eine kurze und vorläufige Bewertung zur politischen Lage in Thailand nach der jüngsten Demonstration der studentischen Opposition.

Die aufsehenerregenden und symbolhaften Proteste Ende September auf dem Sanam Luang als expliziter Heimstatt des thailändischen Royalismus, die Verlegung einer neuen Gedenkplakette und die gelungene Überreichung eines „Brief des thailändischen Volkes“ für Regierung und König durch Panusaya „Rung“ Sithijirawattanakul an einen Sicherheitsbeamten, der das Schreiben auch  tatsächlich entgegennahm, waren der bisherige Höhepunkt der jüngsten Proteste in Thailand. In der Euphorie dieses Augenblicks kündigten die Protestierenden für den heutigen 14. Oktober vollmundig einen landesweiten Generalstreik an.

Dazu ist es nicht gekommen. Trotz allem Mutes, den die zumeist jungen Leute zeigen, trotz allem Frust, der bei vielen Thailändern aller Generationen und aus allen Landesteilen aus unterschiedlichen Gründen herrscht: Der offenbar vorschnell angekündigte „Generalstreik“ fand nicht statt. Eine aktive Massenbewegung außerhalb der Stadtgrenzen von Downtown Bangkok, die weitere soziale Gruppen erfasst und sich politisch und sozial noch breiter aufstellt, ist bis jetzt nur punktuell entstanden. Und dies, obwohl im Land die Kritik an der Führung in Zivil und Uniform von ganz, ganz oben bis auf die niedere Funktionärsebene für thailändische Verhältnisse unglaublich weit geht. Politische, ökonomische und gesellschaftliche Gründe – und vor allem das Gefühl, in keinem dieser Felder auf der Höhe der Zeit zu sein – frustriert viele Thais zutiefst. Trotzdem konzentriert sich der Protest derzeit auf Bangkok und seine bekannten Vorreiter vor Ort. Vielleicht ist es – nur allzu verständlich – die Angst vor Repression, vielleicht ist es die bisher fehlende Hoffnung auf einen Erfolg des Protestes oder die Ideenlosigkeit, wer Thailand anstatt der jetzigen Machtelite in die Zukunft führen soll. Vielleicht sitzt das Misstrauen auch gegenüber jenen zu tief, die dem Bangkoker Establishment in den vergangenen 20 Jahren versucht haben, die Stirn zu bieten. Und am Ende doch  – mehr oder weniger erfolgreich – vor allem darauf orientierten, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Aber: Auch wenn der Generalstreik ausblieb, es gab eine neuerliche Demonstration in den Straßen der Hauptstadt. Und die hatte es wahrlich in sich.

Womöglich erstmals seit 1932 wurde dabei eine Wagenkolonne der Königsfamilie direkt mit demonstrierenden Untertanen konfrontiert, die nur noch wenige Meter von den Fahrzeugen entfernt waren. Und womöglich erstmals seit 1932 haben sich diese Untertanen das überhaupt auch getraut.

Ganz sicher war es kein Zufall, dass der Konvoi unmittelbar an der Demonstrationsstrecke vorbeifuhr. Über die Gründe lässt sich trefflich spekulieren, denn andere Transportwege oder Transportmittel zu dem für die heutige Zeremonie des Königs vorgesehenen Ort wären sicherlich möglich gewesen. Sollte dies also eine Machtdemonstration des Royalismus werden? Oder sollten die Demonstranten zu Ausschreitungen provoziert werden? Darüber lässt sich trefflich spekulieren. Aber jeder – auch jeder Ausländer – der in Thailand einmal miterlebt hat, wie ganze Straßenzüge über Stunden für die kurze Durchfahrt eines Konvoi von Mitgliedern der Königsfamilie gesperrt werden, die nicht einmal ganz oben in der Hierarchie stehen, den wundern diese Bilder von heute doch mehr als merklich.

Immerhin wurden diesmal – im Unterschied zur Demonstration im September – offensichtlich königstreue Anhänger in dekorativen gelben Shirts – darunter übrigens auffällig viele junge Männer mit auffällig kurz geschorenen Haaren –entlang der geplanten Strecke von Demonstrationszug und Fahrtroute des Königs rekrutiert. Offenbar sollte medial suggeriert werden, dass – wie früher – die Mehrheit des Volkes im Zweifelsfall zu seinem Herrscher steht und die Kritiker bestenfalls ein paar unbelehrbare und desorientierten Heranwachsende seien. Bilder sind die besten Botschafter.

Ob dieser Versuch gelungen ist, darf zumindest bezweifelt werden. Mag sein, dass das Königshaus auf diesem Wege diejenigen mobilisieren wollte, die – und das sind zweifelsohne weiterhin nicht wenige – an Thailands Dreifaltigkeit von Nation, Religion und Königshaus glauben oder davon leben. Aber bei denen, die dem Königshaus reserviert bis ablehnend gegenüberstehen, werden sich die Bilder vom „Tribute-von-Panem“-Handzeichen unmittelbar vor den royal beflaggten Konvoi-Fahrzeugen sicherlich einbrennen.

Eine machtvolle Demonstration der Unangreifbarkeit und Stärke war dieser Tag jedenfalls nicht für das Königshaus. Dieser Versuch anlässlich der Rückkehr von Rama X. aus Bayern ist damit genauso wenig geglückt wie das vorschnelle Ausrufen des „Generalstreik“ durch die Demokratie-Bewegung.

In einem sind sich König und Demonstranten am Ende dieses Tages jedoch möglicherweise noch einiger als vorher: Die Sprechchöre der Demonstranten, die lautstark den Rücktritt von Premierminister Prayuth forderten, müssten auch der royalen Familie eigentlich ganz gut gefallen haben – wenn auch aus anderer Motivation als die der Rufer. Längst schon ist der neue Armeechef Narongphan Jitkaewtae für das Königshaus und das Establishment der neue starke Mann im Land. Und er ist nicht nur königstreu, sondern auch dem König treu – ganz persönlich eng verbunden.

Auf staatliche Gewalt, Massenverhaftungen und Eskalation durch den Sicherheitsapparat wurde auch heute verzichtet. Man ließ die „ungezogenen, ungestümen Kinder“ (Prayuth) weitestgehend gewähren. Was nach diesem bemerkenswerten Tag noch kommt an staatlichem Handeln, Einschränkungen oder Verhaftungen ist natürlich derzeit offen. Jedenfalls wissen nun alle Seiten in Thailand, was die Stunde geschlagen hat.

Trotzdem – oder gerade deswegen – war dies heute sicherlich für alle nur eine Etappe. Selbst wenn das Establishment oder seine Helfershelfer jetzt mit harter Hand zurückschlagen sollten, werden die jungen Menschen und ihre Unterstützer so schnell nicht mehr aufgeben. Die Saat der Hoffnung ist ausgelegt, den Geschmack von Freiheit trägt die junge Generation auf der Zunge, die Lust auf eine neue Zeit ist erwacht. Aber es wird ein langer Weg der Transformation für Thailand, auch weil die Demonstranten von den Massenprotesten ihrer Vorbilder in Hongkong noch weit entfernt sind. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass Thailand entweder ein Land dauerhafter Repression und Überwachung wird oder einen disruptiven Aufbruch in die Zukunft wagt. Entschieden ist das noch lange nicht. Nicht einmal im Lager des Establishment kann man sich mehr der gegenseitigen Solidarität sicher sein. Auch deshalb wird der Konflikt auf der jetzigen Ebene nicht bleiben, nicht bleiben können. Es wird noch ungemütlicher werden, in Thailand. Und: Dieser Konflikt wird ein Marathon, kein Sprint. Für alle. Auch für Thailands Gäste, die derzeit im Land sind oder so gerne endlich wieder kommen möchten. Wann auch immer.

Aktualisierender Nachtrag vom 15.10.: Die erwartbare Reaktion auf den gestrigen Tag in Bangkok. Nun wird sich zeigen, wie die Protestbewegung darauf reagiert. Eine kurzfristige, weitere Zuspitzung der Lage ist nicht auszuschließen:

https://www.deutschlandfunk.de/thailand-regierung-verhaengt-nach-massenprotesten.1939.de.html?drn:news_id=1183590

2 Gedanken zu “Thailands Zukunft: Kein Sprint, sondern Marathon.

  1. Wieder ein hervorragender Kommentar – herzlichen Dank dafür! Wohltuend solche fundierten Berichte zu lesen, neben dem vielen unqualifizierten und belanglosen Gelabber, das man in viel zu grosser Zahl in den Thai-Gruppen zu lesen bekommt!

    1. Wieder einmal vielen Dank. Eigentlich wollten wir uns auf dieser Internetseite möglichst wenig mit aktueller thailändischer Politik befassen. Aber die Ereignisse der letzten Wochen, Tage und Stunden und ihre – auch langfristigen – Auswirkungen auf Thailand wollen und können wir nicht unbeleuchtet lassen. Dabei wollen wir weder als Propagandisten für die eine oder andere Seite noch den Thais gegenüber als spätkoloniale Besserwisser agieren. Aber für uns Thailand-Freunde ist es halt wichtig, dass wir versuchen zu verstehen, was da gerade passiert. Darum geht es uns bei Thainess. Wobei angesichts der heutigen Bilder unser Mitgefühl schon sehr klar denjenigen gilt, die über sich selbst in den social media geschrieben haben: „Wir haben keine Waffen. Wir haben nur Schokolade.“

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