2020: Thailands besonders verlorenes Jahr

Das Jahr 2020 sah die ganze Welt in einer Ausnahmesituation. Das galt auch für Thailand. Manch ein Thailand-Fan bleibt nach diesen irritierenden 365 Tagen ratlos zurück. Und dies aus mindestens vier Gründen. Eine Jahresbilanz von Thainess.de

Der thailändische Tourismus war eine Erfolgsstory. In den letzten 50 Jahren hat sich das Land zu  einer der weltweit beliebtesten Feriendestinationen entwickelt. Und der Tourismus wurde für die Thais im Laufe dieser Zeit zu einer wichtigen Einnahmequelle. Eigentlich gar nicht wegzudenken. Eigentlich.

Und doch: quasi über Nacht gibt es ihn kaum mehr. Was für Orte wie Pattaya (siehe „Es war einmal in Pattaya“ hier und hier) aber auch alle anderen weltweit bekannten Destinationen im „Land des Lächelns“ unvorstellbar war, ist Wirklichkeit geworden. Nach einem mehr oder minder kompletten „Travel Ban“ aufgrund der Virus-Pandemie heißt es nunmehr seit Monaten, von wenigen Ausnahmen abgesehen: „Thai and residents only“ (siehe auch hier: „Land des Lächelns unbefristet unerreichbar.“).  Und wie im Zeitraffer ist eine auf ausländische Urlauber ausgelegte touristische Infra-Struktur, die als unerschütterlich galt und zuvor kleine Krisen und große Unglücke letztlich folgenlos überlebte, in sich zusammengefallen wie ein Kartenhaus.

Das Virus selbst blieb in Thailand mit Blick auf die gesundheitliche Lage der Bevölkerung und die Lage im Gesundheitssystem bisher offenbar nahezu folgenlos. Obwohl Thailand touristisch, wirtschaftlich, ethnisch und politisch intensive Kontakte zum großen Nachbarn China unterhält (siehe „Chinesen in Thailand“), blieb Thailand bisher vom Virus selbst weitgehend verschont. Wie wenige andere Länder hat Thailand – trotz der Bedeutung des Tourismus –  sehr schnell und sehr konsequent seine Grenzen geschlossen, auch für Urlauberin und Urlauber aus China, obwohl diese inzwischen die größte urlaubende Landsmannschaft in Thailand sind.  So ist es offenkundig der thailändischen Regierung gelungen, das Virus bisher weitestgehend aus dem Land herauszuhalten und im Land unter Kontrolle zu halten. Dafür hat auch ein sehr konsequenter Lockdown innerhalb Thailands zu Beginn der Pandemie gesorgt.

Es ist geradezu eine Ironie dieses thailändischen Jahres, dass an seinem Ende nun Thailand von einer – allerdings im Vergleich zu anderen Ländern noch ziemlich kleinen – zweiten Welle der Pandemie erfasst wird. Und wieder handelt die Regierung sofort und verhängt – auch zum Jahreswechsel – neue Lockdowns, derzeit zumindest in den besonders betroffenen Regionen. Und diese Lockdowns werden in Thailand auch tatsächlich durch die Bevölkerung eingehalten, nicht wie in anderen Ländern, wo den Aufforderungen zur Kontaktbeschränkung gelegentlich nur widerwillig oder gar nicht gefolgt wird.

Einreisen nach Thailand, insbesondere über den Luftweg, sind und waren ehedem nur bestimmten Gruppen unter strengsten Auflagen inzwischen wieder erlaubt:  ein Nachweis, nicht infiziert zu sein und eine 14tägige Quarantäne nach Einreise in Thailand sorgten lange Zeit für eine offenbare Sicherheit. Aber wieder einmal krankt das thailändische System an sich selbst. Denn was auf dem Luftweg offenkundig – von wenigen Ausnahmen abgesehen – gelungen zu sein scheint, konnte an den kontinentalen Landgrenzen nicht mit gleicher Konsequenz umgesetzt werden. Die sich derzeit entwickelnde zweite Welle scheint von illegalen Einwanderern aus Nachbarstaaten ausgelöst worden zu sein. Dass diese Einwanderung allerdings überhaupt möglich wurden, wird von vielen auf bewusst herbeigeführte Versäumnisse bei den Grenzkontrollen auf den Landwegen zurückgeführt. Und hier scheint nicht etwa geschludert worden zu sein, sondern sich wieder einmal ein leider fester Bestandteil des gesellschaftlichen Systems in Thailand negativ auszuwirken: die Korruption. Jedenfalls verstummen die Stimmen nicht, die Teilen der Grenztruppen unterstellen, gegen entsprechende Bezahlung bestimmte Kontrollen unterlassen zu haben. Sollte dies tatsächlich stimmen, so würde sich an dieser Stelle ein Kreis zwischen den Herausforderungen der Pandemie und dem zweiten großen Thema, das Thailand im Jahr 2020 beherrscht hat, schließen: der Debatte über die politische und gesellschaftliche Zukunft des Landes.

Dabei hat diese Debatte ihren Ursprung nicht – wie in anderen Ländern – in der Pandemie, sondern in den „ewigen“ Widersprüchen innerhalb der politischen Gemengelage des Königreiches (siehe auch hier: „Thailands Zukunft: Kein Sprint, sondern Marathon.“ und „Thailand 2020: „Normal“ ist anders.“)

Nachdem endlich im Jahre 2019 rund fünf Jahre nach dem letzten Militärputsch wieder Wahlen stattgefunden hatten, konnte es sich die nach einem quälend langen Prozess endlich zusammengekommene Regierungskoalition unter dem vormaligen Putsch-Anführer Prayuth nicht verkneifen, mit einem Rückfall in alte Verhaltensweisen ein Fanal zu provozieren, das ihnen im Laufe des Jahres 2020 vieltausendfach aus den Straßen entgegenschallte. Denn ohne das faktische Betätigungsverbot für die bei den Wahlen überraschend sehr erfolgreiche „Future Forward Party“ des Autoteile-Unternehmers Thanathorn Juangroongruangkit hätte es die Proteste, die Thailand 2020 über Monate bewegten, in dieser zugespitzten Form nicht gegeben.

Die Unzufriedenheit mit dieser Entscheidung und den politischen Abläufen insgesamt, die internationale Vernetzung und die erstaunliche Kampfbereitschaft vieler junger Leute und Future-Forward-Wähler*innen, wurden vom Regime dramatisch unterschätzt. Ebenso unterschätzt wurde der Verbreitungsgrad kritischer internationale Berichterstattung innerhalb Thailands über den König und der Frustrationsgrad über die Tatsache, dass das Königshaus zwar weiterhin starken Einfluss auf politische Entscheidungen nimmt, aber der König selbst – sogar während der Pandemie–Krise – weitestgehend außer Landes war. Motiviert durch das Vorbild anderer politischer Bewegungen – etwa der in Hongkong – waren es junge Leute, die sich jeder schematischen Zuordnung in alte thailändische Rot-Gelb-Muster entzogen und der thailändischen Gesellschaft und der thailändischen Regierung unangenehme Fragen nach der politischen und gesellschaftlichen Zukunft des Landes aufdrängten: von Reformen in Teilbereichen, etwa im Schulwesen, bis hin zur Grundsatzfrage nach der Rolle des Königshauses. Auch wenn es dieser Bewegung nicht gelang, große Teile der Bevölkerung zum dauerhaften aktiven politischen Handeln zu bringen und ihr somit gegen Jahresende der Druck verloren ging, so ist doch – bei jungen Leuten aber auch bei älteren Teilen der Bevölkerung über Bangkok und die Studierendenkreise hinaus – der Samen politischer Unzufriedenheit gesät.

Nach anfänglichen Versuchen, den Protest mit Gewalt zu begegnen, hat die thailändische Regierung sich Im weiteren Verlauf davon verabschiedet, wie mehrfach in der Vergangenheit auf die Macht der Panzer zu setzen, sondern stattdessen die Macht der Paragrafen zum Einsatz gebracht. Die Wiederanwendung des § 112 – des sogenannten Lèse Majesté, also der in Thailand sehr weitgehende Majestätsbeleidungsvorschrift – ist dabei das offenkundigste Instrument, um mit juristischen Mitteln die Oppositionsbewegung wieder zurecht zu schrumpfen. Einige Beobachter urteilen daher, dass diesmal nicht die Militärs, sondern Juristen putschten. Aber jener Samen der Freiheit ist eben dennoch längst gesät und die jungen Menschen – oft gut ausgebildet und eigentlich mit besten Perspektiven ausgestattet, um Leistungsträgern der thailändischen Gesellschaft zu werden – sind zumindest in ihren Einstellungen längst nicht zur tradierten, obrigkeitsorientierten Grundhaltung der Thailänder zurückgekehrt. Und es gibt nicht wenige Thailänder, die die jetzige Lage erst einmal abwarten. Reserviert, zurückhaltend, beobachtend, aber keineswegs davon überzeugt, dass Premierminister Prayuth, der allerdings auffällig standhaft im Amt geblieben ist, seine Regierung und das etablierte System die auf Dauer richtige Alternative für Thailand sind.

Die zugespitzte Auseinandersetzung der vergangenen Monate scheint zunächst einmal reduziert worden zu sein. Die Lage in Thailand als stabil zu bezeichnen, dürfte aber sehr viel zu kurz greifen. Denn keine der politischen Zukunftsfragen ist in Wahrheit gelöst. Es ist nur die Debatte darüber zwangsläufig vordergründig beendet worden.

Entscheidend kann daher der vierte Aspekt sein, der Thailand im Jahr 2020 in Atem hielt: seine soziale und wirtschaftliche Entwicklung. Und dies aus 2 Perspektiven: Wird die breite Masse der Bevölkerung In der Lage sein, ihr Leben einigermaßen akzeptabel aus der Kraft ihrer Arbeit bestreiten zu können? Und wird der Teil des thailändischen Establishments, der die Wirtschaft des Landes beherrscht, das Gefühl haben, seine unternehmerischen Initiativen weiterhin in Ruhe und auf der Basis einer stabilen politischen Situation entwickeln zu könne? Denn wenn die Geldmacht den Eindruck hat, und dies gilt nicht nur für Thailand, dass die aktuelle politische Lage sie an ihrer Geschäftsentwicklung hindert, dann werden in jedem Land der Welt unangenehme Fragen an die Regierenden gestellt, egal ob sie sich mit Waffen auskennen oder nicht.

Auch ökonomisch ist das Jahr 2020 in Thailand zu einem verlorenen Jahr geworden. Schon vor der Pandemie war das Land unter Druck. Zwar gibt es Bereiche, die von der intensiven Zusammenarbeit mit chinesischen Unternehmen und chinesischen staatlichen Einrichtungen profitiert haben und durch das von China initiierte asiatische Freihandelsabkommen mit den ASEAN-Staaten und weiteren Partnern der Region noch weiter profitieren werden. Andererseits ist Thailand exportorientierte Wirtschaft mit Blick nach Westen ein klarer Verlierer des Kampfes um eine multipolare Weltordnung, der zunehmenden Handlungsbeschränkungen, der Zollpolitik der USA, dem Wegbrechen von Lieferketten und dem ewigen, weltweiten Lohndumping-Wettlauf.  All diese Phänomene waren schon vor Covid 19 augenfällig. Und sind seit dem Ausbruch der Pandemie nicht besser geworden, ganz im Gegenteil. Der Zusammenbruch des Outbound-Tourismus, der für Thailand eine durchaus bedeutsame wirtschaftliche Rolle spielt, hat diese ökonomische Lage quasi über Nacht noch zusätzlich verschärft. Da in Thailand vom Staat gespannte soziale Netze bestenfalls die Ausnahme von der Regel sind, haben also die wirtschaftlichen Entwicklungen vor der und durch die Pandemie die Thailänder deutlich stärker getroffen als andere Schwellenländer oder gar als die Länder, aus denen viele Thailandurlauber und viele Exportaufträge kommen.

Politisch, ökonomisch, touristisch und sozial ist deshalb das Jahr 2020 für Thailand im besonderen Maße ein sehr verlorenes Jahr.

Und wie wird das neue Jahr?

Es beginnt in Thailand und anderswo mit neuen oder verschärften Lockdowns, mit neuen oder verschärften zweiten Wellen, mit neuen oder verschärften politischen Lagen. Und mit der sich langsam aber sicher einstellenden Erkenntnis, dass die Pandemie selbst, aber auch ihre Auswirkungen nichts sind, das in absehbarer Zeit vollständig oder auch nur halbwegs ausgestanden sein werden. Dies betrifft nicht nur Thailand, sondern die ganze Welt. Und damit übrigens eben auch viele Thailand-Freunde in der ganzen Welt, die einerseits darauf hoffen, dass Grenzen sich öffnen, um die Lieblingsdestination wieder besuchen zu können, andererseits aber von der Unsicherheit des Reisens in einer außergewöhnlichen Situation bewegt sind – genauso wie von der Frage ob in der kommenden Zeit Fernreisen aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung in den Herkunftsländern der Touristen nicht zumindest vorübergehend wieder zu einem echten Luxusgut werden könnten.

Insofern war nicht nur 2020 ein verlorenes Jahr, sondern es stellt sich die Frage, ob 2021 so viel anders verlaufen wird.

So bleibt vielen Thailand Fans am Ende nur die Sehnsucht nach „ihrem“ Land of Smile, wie sie es in der Vergangenheit kennen und lieben gelernt haben. Und vielen Thailändern in der Migration nur das Heimweh. Und vielen Thailändern zu Hause nur die Hoffnung.

Wünschen wir uns allen, dass aus Hoffnung, Heimweh und Sehnsucht bald „Wiedersehen“ wird mit einem Land, das seinen Weg aus den Krisen findet – friedlich, der Zukunft zugewandt und einvernehmlich.


In eigener Sache:

Thainess.de hat auf seiner Website und auf seiner Facebook-Seite dieses außergewöhnliche Jahr in Thailand intensiv begleitet, leider nur von Europa aus. Den vielen Reisen durch die Heimat unserer Herausgeberin konnten in diesem Jahr keine neuen hinzugefügt werden. Umso dankbarer sind wir über das Interesse unserer Community an der Website und unseren Facebook-Beiträgen. Seit dem Relaunch von scontour.com zu Thainess.de im April dieses Jahres dürfen wir uns über knapp 50.000 Besucherinnen und Besucher auf unserer Website und über 75.000 Aufrufe der Seite freuen. Im April übernahmen wir zudem die Facebook-Präsenz des ehemaligen „Farang-Magazin“ aus Berlin mit etwa 550 Followern. Inzwischen sind daraus rund 2200 Follower geworden. Dieses Interesse an unseren Beiträgen, an unseren Fotos, Artikeln, Erlebnissen und Meinungen erfüllt uns – gerade in einem solch außergewöhnlichen Jahr – mit größter Dankbarkeit gegenüber unseren Leserinnen und Lesern. Genauso dankbar sind wir für die aktive Zuarbeit aus der Community, die uns mit Informationen und Einschätzungen versorgt und im stetigen Kontakt mit uns ist: ob Horst in Pattaya oder Sven in der Provinz oder die thailändischen Gesprächspartner unserer Herausgeberin im ganzen Land. Ohne eure Einschätzungen, eure Hilfe und euer Feedback könnten wir die Seite nicht so mit Leben und Information füllen, wie wir uns dies vorstellen.

Danke für viele Ermutigungen, Likes, Kommentare, danke für Sharings, Erwähnungen und Kritik. All das ist uns Verpflichtung, auch im nächsten Jahr – unabhängig von der Lage – für unsere Leserinnen und Leser, Followerinnen und Follower und alle an Thailand Interessierten mit Engagement, Freude, Sanook und Sabai weiterzuarbeiten.

 In diesem Sinne uns allen einen guten Start Ins neue und ein hoffentlich besseres Jahr 2021.

Bleibt gesund und uns gewogen.


3 Gedanken zu “2020: Thailands besonders verlorenes Jahr

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