Thailand 2020: „Normal“ ist anders.

Während sich bei der Frage nach der Wiederöffnung des Landes für den Tourismus aus dem Ausland auch in den letzten Wochen nichts wirklich Neues tut, spitzt sich die innenpolitische Lage in Thailand zu. Das Land steckt in schweren Fahrwassern, politisch und wirtschaftlich. Und steht vor großen Veränderungen, die zwar auch am Tourismus nicht spurlos vorbeigehen werden, aber möglicherweise viel weitergehen. Die heutige Monatskolumne leiht der Befürchtung Ausdruck, dass all das dieses liebenswerte und von vielen Gästen aus aller Welt geschätzte Land, seine Menschen und seine Gäste noch sehr, sehr lange beschäftigen wird.

Der europäische Herbst ist da! Nicht ganz ohne Überraschung steigen auch deshalb die Corona-Infektionszahlen auf dem „alten Kontinent“ wieder an. Das ist – durchaus verständlich – Wasser auf die Mühlen derjenigen, die in Thailand und anderen Ländern der ASEAN den Lockdown des Inbound-Tourismus aufrecht erhalten wollen – zum Schutz der eigenen Bevölkerung, aber auch aus – sagen wir einmal – „übergeordneten“ Motiven.

Viele in Europa hätten aber unter den derzeitigen Bedingungen sowieso keine große Lust auf Fernreisen nach Fernost. Zwar ist das Fernweh groß, aber es fällt ja bisweilen schon zu Hause schwer genug, sich auf die „aktuelle Normalität“ der Corona-Regeln einzustellen. Unter diesen Bedingungen auch noch auf lange Reisen gehen? Sich den wechselnden Regeln in anderen Ländern aussetzen? Damit kann man im Zweifelsfall auch noch warten, bis die Freiheit von Urlaub und Reisen wieder voll auszukosten ist.

Im Falle Thailands stellt sich jedoch die Frage, in welches Land man nach einer Normalisierung – wie lange es auch immer bis dahin noch dauern wird – eigentlich als Tourist oder Langzeit-Gast zurückkehren wird?

Es ist gut möglich, dass bekannte und beliebte touristische Infra-Strukturen, die auf ausländische, insbesondere westeuropäische, nordamerikanische und australische Besucher*innen ausgerichtet sind, die lange Phase der Einreise-Sperre nicht überstehen. Sie müssten neu aufgebaut werden, wenn diejenigen, die das finanzieren und leisten müssen, sich wieder nennenswerte Einnahmen davon versprechen. Wenn!

Nicht wenige bisherige Anbieter dieser Infra-Struktur werden jedoch nicht auf die Rückkehr ihres Klientel warten können und daher versuchen, mit anderen oder anderem ihr Geld zu verdienen, zumal Thailand – obwohl der Staat finanziell dazu in der Lage wäre – bisher keine mit Deutschland oder anderen Ländern der EU vergleichbaren Rettungspakete für einzelne Branchen, für Firmen, Kleinunternehmer*innen oder Arbeitnehmer*innen schnürt.

Zumindest die großen Reiseveranstalter und Hotelketten werden sich zudem sehr genau überlegen, mit welcher Strategie sie welche Gäste wieder sukzessive ins Land locken, wenn wieder eingereist werden darf. Das zeigt auch ein Blick nach Europa: Mallorca etwa hatte natürlich als erstes die Deutschen im Visier, als die Insel kurzzeitig wieder geöffnet wurde. Kein Wunder: die sind die größte ausländische Touristengruppe, nur wenige Flugstunden von den Stränden der Balearen entfernt und wirtschaftlich weniger als andere von der durch die Pandemie ausgelösten Krise betroffen, so dass viele von ihnen überhaupt weiter an Urlaub denken können.

Legt man das Mallorca-Beispiel auf Thailand um, so wird klar, dass aus ökonomischen Gründen bei einer Wiederaufnahme des Inbound-Tourismus als erstes Gäste aus den Ländern „um die Ecke“ ins Visier des Marketings genommen werden, etwa aus Japan, Korea, Indien und vor allem: aus China.  Denn die Chinesen sind nicht nur viele und wohnen etwa so viele Flugstunden von Thailand entfernt wie die Deutschen von Mallorca, sie waren schon in den letzten Jahren die Nummer Eins: bei der Anzahl der Reisenden als auch bei den Ausgaben. Wer übrigens glaubt, dass die Chinesen nur in Reisegruppen hinter Fähnlein-Führern unterwegs sind, schätzt die Lage falsch ein. Der chinesische Thailand-Tourismus ist etwa so vielseitig wie der deutsche Mallorca-Tourismus. Es gibt Ballermann und Bali Hai Pier. Natürlich. Und beide prägen die öffentliche Wahrnehmung. Aber es gibt auch nicht wenige exklusivere, individuellere Angebote und Nachfragen – auf Mallorca für die Deutschen, in Thailand für Chinesen. Übrigens inklusive der Chinesen, die wie Deutsche auf Mallorca, inzwischen auch Wohneigentum in Thailand besitzen. Es kann also gut sein, dass die auf Asiaten und herkunftsübergreifend auf alle internationalen Kunden  – nicht nur Chinesen – orientierte Tourismus-Infrastruktur viel schneller wiederhergestellt wird als die spezifischen Angebote für Urlauber aus den westlichen Teilen der Welt. Aus rein ökonomischen Gründen also bald mehr Reissuppe als Brot zum Frühstück?

Aber im Unterschied zu anderen Ländern der ASEAN steht in Thailand plötzlich noch ein ganz anderes Thema auf der Tagesordnung: Die politische Lage!

Seit Juli gibt es wieder öffentlichen Protest im Land. Und bei dem geht es nicht um Widerstand gegen Corona-Maßnahmen und – zumindest bisher – im Kern auch nicht um Wirtschaftsfragen wegen des Tourismus-Lockdown. Es geht vielmehr um das „große Ganze“ – wie schon häufiger in Thailand, aber diesmal so weitgehend wie nie zuvor.

1932.

1973.

1976.

1992.

2010.

2013/2014.

Diese Jahreszahlen stehen für die jeweiligen Höhepunkte in der Auseinandersetzung der Thailänder um den richtigen Weg für ihr Land und das Ringen um ein gemeinsamen „Gesellschaftsvertrag“, der von eine breiten Mehrheit der Thais quer durch alle Gesellschaftsschichten mitgetragen wird. Leider jeweils ohne Fortschritt und Erfolg.

Im Jahre 1932 wurde durch eine neue Verfassung die Rolle des Königshauses von einer absoluten zu einer konstitutionellen Monarchie verändert. Auf dem Papier musste das Königshaus politische Macht abgeben – zugunsten von zivilen Einrichtungen, wie es in anderen Staaten längst gang und gäbe war. Aber ähnlich wie die deutschen Erstversuche in Sachen Demokratie 1848 in der Frankfurter Paulskirche und 1919 in der Republik von Weimar hatte dieser bedeutsame Schritt auch in Thailand nicht lange Bestand. Seitdem wurde eine ganze Reihe neuer Verfassungen in Kraft gesetzt, Machtwechsel in unblutigen oder gar blutigen Putschen sind eher üblich als die Ausnahme und die politische, militärische und wirtschaftliche Macht des Königshauses ist weiter omnipräsent.

Gegen das Mitbestimmungsdefizit, das konservative, oft gar reaktionäre Establishment und seine Macht, gegen tradierte Normen und die strikte gesellschaftliche Trennung Thailands in „Oben“ und „Unten“ richtete sich immer wieder Widerstand. Die Aufstände von jungen Menschen – überwiegend, aber nicht nur Studierende – und die jeweilige blutige Niederschlagung dieser Erhebungen in den Jahren 1973, 1976 und 1992 zeugen davon besonders augenfällig und haben sich tief in das Bewusstsein der Thais eingegraben.  Viele kümmern sich seitdem lieber um andere Dinge als Politik. Gerade vieler der Generation der jetzt um die 50jährigen zum Beispiel stehen bis heute unter dem Eindruck des „Schwarzen Mai 1992“, bei dem das zarte Pflänzchen Hoffnung auf mehr Mitbestimmung ihrer Jugend brutal zertrampelt wurde. Danach haben sie sich nur noch um ihr Business und ihre Familie gekümmert – zumal die Asienkrise wenige Jahre später auch noch ihre volle Aufmerksamkeit erforderte, um ökonomisch zu überleben. Ein tieferer Einblick in die Struktur der Politik – auch auf lokaler Ebene – kann zudem ein wirklich erschreckendes Maß an Skrupellosigkeit und ausschließlich interessengeleitetem Handeln bis hin zu systematischen Korruptionsstrukturen innerhalb von Seilschaften oder Clanstrukturen vermitteln. Es gibt nicht wenige Thais, die – obwohl es ihnen zum persönlichen wirtschaftlichen Vorteil gereichen könnte – damit nichts zu tun haben wollen, weil sie sich in nicht kontrollierbare Abhängigkeiten begeben würden. Da sich dies durch fast alle politischen Lager zieht (und sich diese Lager der thailändischen Politik sowieso kaum durch programmatische oder ideologische Unterschiede kennzeichnen lassen) wählt man im Zweifelsfall dann vielleicht sogar einfach nur „the cutest one“. Und es soll nicht wenige Thais geben, die nicht aus Desinteresse an Wahlen nicht teilnehmen, sondern für die das eine bewusste Abgrenzung gegenüber allen politischen Akteuren war bzw. ist.

Auch die Erfahrungen mit klaren Wahlerfolgen von politischen Gruppierungen bis und nach 2006 – ganz unabhängig davon, wie viele Stimmen dabei direkt oder indirekt „gekauft“ wurden, gab es doch viele Überzeugungswähler – hat das Interesse an und die Mitwirkungsmotivation für Politik erheblich geschmälert.

Dafür stehen die Jahreszahlen 2006 – der Putsch gegen den damaligen Premierminister Thaksin – sowie 2010 und 2013 bzw. 2014, als die beiden Lager „Rot gegen Gelb“ sich jeweils auf den Straßen, Flughäfen, Geschäftszentren und den politischen Institutionen blockierten. Bis das Militär kam und vorgab, die Situation zur Sicherung von Ruhe, Ordnung und innerem Frieden durch eine Machtübernahme zu glätten. Sie haben damit sozusagen in eine Lage eingegriffen, die sie zuvor als allzeit wichtiger innenpolitischer Faktor selbst mit herbeigeführt hatten.

Nun schreiben wir das Jahr 2020 und wieder finden Proteste und Demonstrationen statt, die größten seit 2014 vor dem letzten Militärputsch. Aber es handelt sich diesmal nicht automatisch um die Fortsetzung des alten Rot-Gelb-Konfliktes.

Die „Besetzung“ des Sanam Luang – des „königlichen Platzes“ durch das einfache, aber aufmüpfige Volk – und die Zementierung einer neuen Plakette an der Stelle, wo vor einigen Jahren eine andere, an 1932 erinnernde Plakette von Unbekannten entfernt wurde, sind die symbolträchtigsten Vorgänge bei den Demonstrationen in Bangkok am vorvergangenen Wochenende. Diese Aktionen zeigen: Im Vergleich zum brachialen Stil der Auseinandersetzungen auf allen Seiten in den Jahren 2010 sowie 2013/14 agieren die Protestierenden diesmal völlig anders – friedlich, voller fein dosierter, aber für alle Thais verständlicher Symbolik und mit den weitestgehenden Forderungen seit 1932. Das macht es der Regierung nicht leichter, darauf zu reagieren. Am Demonstrationswochenende enthielt man sich jedenfalls von Regierungsseite jedweder Provokation. Und auch danach war die fundamentalste Aussage der Regierung diejenige, dass die Demonstranten mit ihren Aktionen die wirtschaftliche Lage Thailands gefährdeten.

Diese Zurückhaltung wird allerdings innerhalb des konservativen Lagers vermutlich den Druck auf die eigenen Repräsentanten erhöhen. Gerade die beiden Symbolaktionen vom Sanam Luang könnten von vielen dort als „unerhört“ empfunden werden und die Führung wird sich diesbezüglich – übrigens nicht zum ersten Mal – schwerer Kritik aus den eigenen Reihen  ausgesetzt sehen. Die neue Plakette ist übrigens inzwischen wieder entfernt und Anzeigen wegen des „Verstoßes gegen das Denkmalschutzgesetz“ sind gestellt. Den Thais ist aber nichtsdestotrotz sicher durchaus aufgefallen, dass die frühere Plakette klandestin in der Tiefe der Nacht entfernt wurde und die neue Plakette mit offenem Visier bei Tageslicht verlegt wurde. Dieser Unterschied in Stil und Moral ist auffällig.

Natürlich ist die Grundursache der aktuellen Auseinandersetzungen dieselbe wie beim Rot-Gelb-Konflikt. Nämlich, dass es in Thailand eben weder einen breiten gesellschaftlichen Konsens (und auch nicht mal eine Debatte auf Augenhöhe) darüber gibt, wie sich das Land in sich ändernden Zeiten weiterentwickeln soll, noch dass es ein Grundverständnis darüber gibt, dass alle Thailänderinnen und Thailänder – egal wo sie wohnen, wieviel Geld sie haben, welcher Ethnie sie angehören, wer ihre Eltern sind, was für einen Beruf sie haben – an Entscheidungen beteiligt werden und vom Fortschritt profitieren sollen. Viele internationale Beobachter glauben, dass Thailand seit 1932 an den überkommenen Hierarchie-Vorstellungen einer feudalen Klassengesellschaft und ihren Auswirkungen im politischen, ökonomischen, schulischen oder privaten Alltag krankt.

Dieser Konflikt wurde in der Vergangenheit von den jeweiligen politischen Richtungen bzw. Farben aufgegriffen, um damit zu seinen eigenen Gunsten Stimmung zu machen, Wahlen zu gewinnen oder durch Proteste politische Entwicklungen zu beeinflussen, Regierungen zu stürzen, Neuwahlen herbeizuführen oder das Einschreiten der Armee oder des Königshauses zu provozieren. Nie aber wurde dabei wirklich die Lösung dieses Grundkonfliktes eingefordert. Sondern nur das jeweilige Klientel bedient. Um es einmal am Beispiel Thaksin mit zwei Erläuterungen kurz klar zu machen: Ja, er hat mehr Mittel vom Ballungsraum Bangkok aufs Land und von oben nach unten umgeleitet als andere vor oder nach ihm. Nein, er hat wie alle anderen weder eine tiefgreifende Reform des Bildungswesens veranlasst, noch für eine strukturelle Demokratisierung gesorgt, beides nicht einmal erwogen.

Diejenigen, die zur Zeit auf die Straße gehen, haben einen völlig neuen Ansatz und tiefgreifende, also eben „unerhörte“ Forderungen. Während die gelben und roten Demonstranten im vergangenen Jahrzehnt den Eindruck vermittelten,  immer untertänig auf das Königshaus zu schielen und um dessen politische Unterstützung zu buhlen, erklären die Demonstranten von heute schlicht: „Weg mit der Macht des Königshauses!“

Gelbe und rote Demonstranten haben nie Drill, Inhalte oder die mangelhafte internationale Ausrichtung von Schulen und Hochschulen thematisiert. Heute ist das ein zentrales Thema bei den Demonstranten. Auch und vor allem die demokratische Reform des Staatswesens und der Pressefreiheit, moderne Wirtschaftsstrukturen und Aufstiegsperspektiven für jedermann sind heute zentrale Themen des Protestes, damals nicht bzw. nur soweit, wie sie den eigenen Machtbestrebungen und Vorteilen im politischen Stellungskrieg dienlich waren.

Gelbe und rote Demonstranten brauchten immer einen oder zumindest eine kleine Gruppe von Anführern. Die Proteste derzeit werden von vielen, bis dato weitgehend unbekannten Menschen als Graswurzel-Bewegung initiiert. Die aktuelle Protestbewegung wird von eher jüngeren Menschen aus dem studentischen Milieu getragen, nicht von den bisher üblichen, gesteuerten Massen aus isaanischen Unterprivilegierten auf der einen oder Bangkoker „Kaffeetanten“ auf der anderen Seite (um mal etwas ironisch zu überzeichnen). Sicher: auch „rotes“ und „gelbes“ Lager waren nie homogen. Gerade bei den Roten handelte es sich in Wahrheit nicht nur um glühende Thaksin-Fans. Zwischen UDD (United Front for Democracy against Dictatorship) und der jeweils unterschiedlich benamten Thaksin-Partei gab es beispielsweise veritable politische Differenzen genauso wie sich protestierender Hochschulprofessor und nicht immer tageslichttauglicher kleiner Provinz-Clanboss aus dem Norden mit ansehnlichem Waffenlager im Chicken House voneinander unterschieden, aber doch gemeinsam in roten Shirts demonstrierten.

Insofern kann man mit Fug und Recht zu der Auffassung kommen, dass die aktuellen Proteste – und dabei insbesondere, aber nicht nur die Thematisierung der Rolle des Königshauses – ein Paradigmenwechsel in der thailändischen Politik sind. Diese direkte Kritik kommt zurzeit auch deshalb auf, weil viele das Gefühl haben, der große Integrator der Nation aus dem Palast fehlt und der Palast erscheint zeitweise sogar vollkommen verlassen. Und bewahrt trotzdem den Anspruch, politisch, militärisch und ökonomisch am Ende alle thailändischen Seidenfäden in der Hand zu halten.

Insgesamt betrachtet ist dies ist eine neue Lage in Thailand. Das ist nicht die Fortsetzung alter, ewig schwelender Lager-Konflikte mit neuen Mitteln. Und die Entschlossenheit der Demonstrierenden und die Tragweite ihrer Forderungen sind bemerkenswert.


Die tiefen Konflikte in der thailändischen Gesellschaft – bis in die Familien hinein – sind seit dem Wochenende der Demonstrationen jedenfalls nicht weniger geworden und es stellt sich weiterhin die Frage: Wie wird es in Thailand politisch weitergehen? Für den 14. Oktober – übrigens ein symbolträchtiges Datum, denn just an diesem Tag wurde 1973 der autoritäre Ministerpräsident Thanom Kittikachorn gestürzt- sei ein „Generalstreik“ geplant, verlautbarten die Demonstranten. Das könnte somit ein wichtiges Datum werden, um zu ermessen, ob die Forderungen vom Sanam Luang von breiten Teilen der thailändischen Gesellschaft über die Aktivisten in der Hauptstadt Bangkok hinaus unterstützt werden oder nicht. Wie sich diese Lage entwickelt, ist jedoch völlig offen. Die Schlauen in der Junta – dazu zählt sicher Premierminister Prayuth – haben das offenbar verstanden und reagieren aktuell mit einer für Militärs erstaunlichen Zurückhaltung. Deswegen, aber nicht nur deswegen, scheint Prayuth aber jetzt schon auch und gerade in den eigenen Reihen mit dem Rücken zu Wand zu stehen. Es ist nicht auszuschließen, dass sich am Ende die Hardliner durchsetzen und das Ganze in einer furchtbaren Tragödie endet – wie bereits 1973, 1976 und 1992.

Auch gibt es für die Demonstranten inzwischen nicht nur Zulauf aus dem roten UDD-Lager, sondern auch Thaksin hat sie in einem Statement am Montag nach den Protesten versucht, für sich und seine Sache zu vereinnahmen. Auch Rolle und Absichten von Thanathorn Juangroongruangkit, Gründer und Führungsfigur der Future Forward Partei, deren Verbot nach der für sie erfolgreichen Parlamentswahl 2019 ein Grund dafür ist, dass der gegenwärtigen Protest entstand, sind offen: Ist er derjenige, der den Schulterschluss zwischen reformeinsichtigem Teil des Establishment und der neuen Bewegung herbeiführen und personalisieren kann oder ist er doch nur ein Thaksin2.0 – das Misstrauen vieler Thais nach ihren Erfahrungen mit Thaksin gegenüber Thanatorn und seiner Motivation scheint jedenfalls hoch zu sein.

Und wie könnte ein Erfolg der aktuellen Demokratiebewegung aussehen? Erschöpft der sich im Rücktritt von Prayuth und der Installierung eines anderen Repräsentanten des Establishments? Oder in Neuwahlen? Oder in der x-ten Verfassung seit 1932 mit der üblichen begrenzten Haltbarkeit? Oder gar wirklich in einer disruptiven Veränderung der Machtverhältnisse? Es gibt für diese neue Lage in Thailand jedenfalls keine Blaupause, zumal sich der Konflikt eben vor dem Hintergrund der Pandemie-Auswirkungen und des zunehmenden Einflusses von China in Südostasien abspielt. Eines scheint hingegen doch schon sicher zu sein: So schnell ist das Ganze nicht vorbei. Dieser Konflikt wird Thailands junge Generation und damit das Land über Jahre prägen und seine Bewältigung wird eher Marathon als Sprint. Thailand wird sich stark verändern – so oder so. Und deshalb scheint die Frage, wann sich Thailand wieder für den Inbound-Tourismus öffnet und wie sich der Tourismus – insbesondere für die sogenannten „Farang“ – nach dem Lockdown darstellt, schon fast zweitrangig zu sein. Bevor die ersten Touristen-Flieger wieder landen, stehen in Thailand offenbar noch ganz andere, schwerwiegendere Fragen an als nur die weltweite Entwicklung von Infektionszahlen. Das sympathische Reiseland, das angeblich hundert verschiedene Lächeln kennt, wird für viele immer mehr zur fernen Sehnsucht, weil es derzeit tatsächlich in vielfacher Hinsicht „not available“ ist und dies noch länger bleiben könnte.

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