Es war einmal in Pattaya?

Lockdown in Pattaya! Was über Jahrzehnte kein Gesetz, kein Polizeichef, keine Frauenrechtlerin und weder Papst noch Mönche schafften, erledigt ein Virus im März 2020 innerhalb von Tagen. Das Epizentrum des thailändischen Nachtlebens, der weltweit bekannte Sexbusiness-Hotspot steht still. Doch schon in den letzten Jahren vollzog sich in „Ting Tong City“ ein Wandel. Wie wird es nach dem Ende der Corona-Krise im selbsternannten Seebad weitergehen rund 50 Jahre nach Beginn der Pattaya-Story?

Pattaya by nite: In normalen Zeiten eine Stadt, die niemals schläft.

Die Situation überforderte seine Aufnahmefähigkeit. Das war ihm deutlich anzusehen. Der Inder starrte auf die nackten jungen Frauen, die sich unter einer Art Duschvorrichtung mitten in einer Amüsierbar gegenseitig einseiften. Bewegungslos, ausdruckslos stand er da, minutenlang. Mit offenem Mund und ungläubigem Blick. Sein Bierglas schief in der rechten Hand haltend, so dass der Gerstensaft herauszulaufen drohte.

Im Gegensatz zu Indien ist Bier in Pattaya immer und überall frei verkäuflich. Und Frauen – beinahe nackt, scheinbar hemmungslos – leicht verfügbar in hürdenlos zugänglichen Etablissements. Größer kann der Kulturschock für einen Inder kaum sein. Aber nicht nur für den. Pattaya ist wahrlich ein Kulturschock für alle Nationalitäten. Im Unterschied zum Rest von Thailand sogar für die Thailänder selbst.

Pattaya ist international. Aber doch selten Schmelztiegel, denn zumeist bleiben die Nationalitäten in für sie zugeschnittenen Etablissements unter sich – egal ob in Restaurants, Hotels oder Amüsierläden. Die Geschmäcker sind verschieden und längst schon prägen nicht mehr nur die „Farang“, also die „westlichen“ Ausländer aus Europa, den USA und Australien die Szenerie. Menschen, und vor allem Männer, aus Indien, den arabischen Ländern, aus China und den gutsituierten asiatischen Nachbarländern Thailands – insbesondere Japan und Korea – haben Pattaya ebenso entdeckt. Manch ein Europäer alter Denkschule zeigt sich verwundert darüber, in einem asiatischen Land auf asiatische Touristen zu treffen. Was wiederum eine verwunderliche Erwartungshaltung ist. Vielleicht haben die Farang-Männer Pattaya mit erfunden. Eine Art imperiales Besitzstandsrecht entwickelt sich daraus sicher nicht, tausende Kilometer von der Heimat entfernt und in einem Land, das nie Kolonie war. Die Globalisierung, die wirtschaftliche Entwicklung in den sogenannten Schwellenländern hat Thailand, und damit eben auch Pattaya, längst auch für andere Nationen als Urlaubsdestination erreichbar gemacht. Und die größte ausländische Touristengruppe sind inzwischen die Chinesen (siehe auch: „Chinesen in Thailand: Mehr als Minderheit“), wenn sie auch den wenigsten Kontakt zum eigentlichen Sexbusiness in Pattaya pflegen. Einen – allerdings etwas sterilen – Einblick ins rote Licht erhalten sie jedoch trotzdem: in eigens für chinesische Gruppenreisen errichteten Eventräumen mit sorgfältig koreografierten Erotikshows.

Chinesen in Pattaya: Strand, Bootstour, Dinner, sterile Erotikshow und Farangs gucken.

Und die Thais? Haben ein zutiefst ambivalentes Verhältnis zu Pattaya. Die sogenannte „Soi 6“, eine Gasse, die von der viel befahrenen Beach Road Richtung Landesinnere führt, ist vielleicht die untypischste Straße Thailands. Mit ihren Bars und Agogos Reih´ an Reih´ in den Ladenlokalen und den mietbaren Zimmern in den Stockwerken darüber, ist sie der zentrale Ort des Sexbusiness in Pattaya und damit – neben der „Walking Street“ – wohl die bekannteste Straße der Stadt.  Alle gängigen gesellschaftlichen Regeln und Verhaltensweisen Thailands – in Bezug auf Kleidung, Körperlichkeit oder Kommunikation – sind in dieser Straße außer Kraft gesetzt. Der Kontrast zum Rest des Landes ist nirgendwo größer. Und doch fliegen Männer aus aller Welt zehntausende Kilometer weit, um ihren Urlaub ausgerechnet hier zu verbringen. Die Thais sind sich sehr bewusst darüber, dass die Destination Pattaya entscheidend zum touristischen Aufschwung Thailands in den letzten 50 Jahren beigetragen hat. Sie wissen, dass man als Thai in Pattaya viel Geld machen, aber auch viel verlieren kann, wenn man sich mit den falschen Leuten anlegt. Sie sind schockiert über das Verhalten einiger Ausländer gegenüber den Töchtern, gegenüber der Kultur, gegenüber den Sitten Thailands. Und trotzdem kann sich mancher thailändische Clan dauerhaft einem Trip nach Pattaya nicht entziehen, um dieses seltsame Schauspiel einmal „live und in Farbe“ zu betrachten. Für manche Thais ist Pattaya so etwas wie ein schwerer Autounfall: man mag eigentlich nicht hinsehen, kann es aber nicht lassen. Trotzdem überwiegt letztlich die Distanz zu dem Geschehen dort bei allen Thais, die mit Pattaya nicht beruflich verbunden sind. Und die Mütter und Väter, deren Töchter dort arbeiten, akzeptieren oft stillschweigend die Geldquelle ohne groß nachzufragen.

Für die beiden thailändischen Mädchen in der Amüsierbar, die sich vor den Augen des Inders und vieler weiterer Gäste aus aller Welt nackt gegenseitig einseifen, ist Pattaya – wie für viele tausend Kolleginnen von ihnen auch – oft eine Mischung aus Traumfabrik und Alptraum.

Nur wenige Meter von den jungen Frauen entfernt, für die ihre Seifenshow inzwischen schon so sehr Gewohnheit geworden ist, dass sie diese mit einer gewissen Routine und einem spürbaren emotionalen Abstand zum Geschehen absolvieren, stehen zwei sehr junge, sehr nackte, sehr schöne Mädchen an den Tanzstangen. Sie bewegen sich nur rudimentär zu den für sie ungewohnten westlichen Musikklängen. Man muss sich schon konzentrieren, um zu erkennen, dass sie sich überhaupt bewegen. Was man jedoch auf den ersten Blick erkennt, ist ihr vollkommen verunsicherter Gesichtsausdruck. Sie stehen auf einer Art Bühne – was vielen Thais sowieso schon unangenehm ist. Sie stehen zudem nackt dort. Ein (Nicht-)Bekleidungszustand, der für die allermeisten Thais ein absolutes No-Go ist, sogar im privaten Umfeld. Und sie schauen auf mindestens 60 Augenpaare herunter und sind sich sehr im Klaren darüber, dass die auch alle zu ihnen hinaufschauen.  Es ist sofort erkennbar, dass die beiden Mädchen sogenannte Newcomer in diesem Business sind. Sie versuchen, den Augenpaaren auszuweichen oder zumindest über sie hinweg zu schauen. Oder nach nebenan, wo in einem weiteren Badebecken eine berufserfahrenere Kollegin von zwei mittelalten Farang-Ladies mit 20-Baht-Scheinen gefüttert wird und sich dafür ausführlich und gut sichtbar an allen Körperstellen säubert. Die Farang-Frauen – ja, es gibt auch einige wenige weibliche Agogo-Besucherinnen – haben ihre helle Freude dran und die Thai-Lady offenkundig auch, zumindest an der nicht versiegenden Baht-Quelle. Nicht jedem erschließt sich der Sinn dieser Badeshows, wohl auch nicht den beiden vermeintlichen Tänzerinnen auf der Bühne. Die beobachten das Geschehen, bei dem sie doch eigentlich schon mittendrin sind. Aber „dabei“ sind sie nicht. Ihre Augen verraten weder Neugier noch Wollust, sondern lediglich den Eindruck, dass sie froh wären, wenn diese Nacht bald ein Ende fände. So hatten sie sich das Ganze vielleicht doch nicht vorgestellt. Was wohl aus ihnen werden wird? Abgezockte Agogo-Ladies, die richtig Kohle machen für sich und die Familie zu Hause in der Reisbauernregion? Abhängige Frauen, die im Netz der Szene hängen bleiben, bis es für sie reißt? Oder werden sie sich nach dieser oder der ein oder anderen weiteren Nacht lieber einen schlechter bezahlten Job im Seven Eleven oder beim Laundry Service suchen und in ihr thailändisches Koordinatensystem zurückkehren, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. Und die Erinnerungen an ihren Ausflug in das von der „Sister“ aus dem Provinzdorf so verheißungsvoll beschriebene Nachtleben schnell vergessen wollen (siehe auch „Eine Hommage an Thailands Frauen“).

Pattaya ist eine immerwährende Illusion. Für alle.

Die einen verfallen der Illusion, weil sie glauben, hier vermeintlich mehr, schneller und angenehmer Geld verdienen zu können als mit einem Fabrik-Job. Oder weil sie jemand unter Druck setzt oder verführt hat, genau in diesem Umfeld tätig zu sein. Oder sie sich selbst unter Druck gesetzt haben. Einige beginnen jede neue Nacht, die sie wieder mit all der Nacktheit, Wehrlosigkeit und Anomalität erwartet, in der ewigen Hoffnung, dass es heute nun wirklich die letzte Nacht sein wird, da ihnen der Traumprinz aus dem reichen Land jenseits des Sonnenuntergangs begegnet, der sie von alledem erlöst und ihrer Familie Wohlstand und Glück beschert.

Die anderen sind Pattaya verfallen, weil sie sich der Illusion echter Gefühle, echter Nähe, echter Leidenschaft und echtem Eros ausliefern. Thailänderinnen sind schön. Thailänderinnen sind hemmungslos und voller Begierde. So könnte es demjenigen vorkommen, der das Geschehen oberflächlich betrachtet. Oder der erblindet ist von Neonlicht und Alkohol.

Wer aber einmal bis zum Zapfenstreich in einer der verruchtesten Agogo-Bars geblieben ist, der wird feststellen, dass sich die meisten der eben noch zutiefst erotisch und lasziv wirkenden Schönheiten mit dem Schlussgong in Rekordtempo in jene schüchterne Thai-Mädchen zurückverwandeln, die man an „normalen“ Orten Thailands in der Regel antrifft. Kaum ist der Gong ertönt und die Schicht vorbei, werfen sie sich das nächstbeste Textil über die nackten Körper, verschwinden mit einem leichten Kopfnicken in Richtung des zuletzt becircten Gastes und stürmen, mit ihren Kolleginnen schnatternd und die letzten männlichen Gäste ignorierend, sichtbar erleichtert der „Staff-only-Tür“ entgegen. Die Show ist aus. Bis morgen. Wenig später huschen dieselben Personen, die noch kurz zuvor in sehr expliziten Situationen zu sehen waren, eilig durch die Nacht ihrem Quartier entgegen, die Glitzerkleider schnell mit der üblichen Thai-Textilmixtur aus Jeans und Fußballshirt getauscht, die Tüte vom mittäglichen Einkauf vor der Schicht in der Hand. Es wirkt auffällig normal, wie eben bei allen, die von einer langen, anstrengenden Schicht nach Hause kommen und sich auf ein wenig Ruhe und ihren Schlafplatz freuen.

Doch nicht jede kehrt an ihren eigenen Schlafplatz zurück. Viele Mädchen aus den Bars und Agogos, viele von denen, die allabendlich an der Beach Road auf „Verkehr“ warten oder sich – in längst auch in Pattaya eingekehrten digitalen Zeiten – per App vermarkten, landen in den Betten ihrer Freier. „Long time“ nennt sich das im Pattaya-Jargon. Man fummelt nicht nur in der Agogo, man geht nicht nur auf ein Stundenzimmer, sondern man trifft ein Arrangement für eine ganz Nacht in der Unterkunft des Freiers. Gelegentlich mit Frühstücksservice inklusive. Insbesondere diese spezifische Form der Verabredung – die etwa im deutschen Prostitutionsgeschäft die klare Ausnahme sein dürfte – deutet darauf hin, dass es in Pattaya vielleicht nicht nur um den schnellen Sex geht. Nicht beim Freier, nicht bei der Prostituierten. Sondern dass – vielleicht auf beiden Seiten – immer auch die Hoffung mitschwingt, den oder die Richtige zu finden: für ein paar Tage, für einen Urlaub, für den Rest des Lebens? Bei Lichte betrachtet, kann diese Form der Partnersuche in gewisser Weise bizarr wirken wie auch die Nähe, die sich beide nach nur wenigen Stunden des Kennenlernens am Tresen oder am Billardtisch, einander gestatten, zumuten oder einräumen. Beiderseitige Enttäuschungen vorprogrammiert.

Pattaya ist nicht eindimensional. Es ist möglicherweise nicht nur das größte Bordell der Welt, sondern vielleicht auch die größte Partnervermittlung.  Es ist eine Touristenhochburg, die auch jenseits des Rotlichtes viel zu bieten hat, aber dennoch vom Sexbusiness mehr geprägt wird als die meisten anderen Orte dieser Welt. In Pattaya kann man wunderbar zwanglos und völlig frei von käuflichem Sex die Nacht zum Tage machen. Und genauso einfach in den Untiefen des Rotlichtmilieus untergehen – ob als Kunde oder Dienstleisterin.

Vermutlich gibt es in Pattaya kein Bedürfnis, kein Kopfkino und keine Illusion, die nicht bedient werden können. Und doch sind die Sonnenuntergänge dort genauso unschuldig schön wie im Rest des Landes. Pattaya ist Moloch und Traumziel. Partymeile und Dunkelkammer. Dreckig und bunt. Shopping-Paradies und Armenhaus. Pattaya ist Sterneküche und Armenspeisung. Ist Luxushotel und Bretterbude. Und alles ist manchmal nur ein paar Schritte voneinander entfernt.

Thailand ist mehr als Pattaya. Wie oft schon habe ich diesen Satz gehört. Oder gar selbst geschrieben. Ganz sicher stimmt er, aber ganz sicher stimmt auch: Pattaya ist ein Teil von Thailand und dazu noch ein Teil, der außerhalb Thailands viel stärker wahrgenommen wird als andere Teile dieses Landes. Pattaya prägt das Image Thailands mit. Ob man will oder nicht.

Ob Pattaya nach dem Ende des Corona-Lockdowns noch derselbe Ort sein wird? Für eines ist Pattaya nämlich nicht bekannt: nachhaltiges Wirtschaften. Weder bei den Barfrauen noch bei den Barbesitzern. Kommt kein frisches Geld herein, so sind die Ressourcen schnell zu Ende. Schon in den vergangenen Jahren sind aufgrund zurückgehender Besucherzahlen gerade im Bereich des Sextourismus viele Stühle leer geblieben. Leere Barhocker, leere Flaschen, leere Blicke. Das Businessmodell, auf dessen Basis Pattaya bisher funktionierte, kommt aus der Mode. Weil sich Einstellungen ändern, weil sich soziale Lagen ändern, weil sich Kommunikation ändert. Bisher hat Pattaya noch jede Krise überstanden, denn Krisen produzieren auch neue Armut, neue Abhängigkeiten und neue Chancen. Es ist daher anzunehmen, dass der Sextourismus nicht aus Pattaya verschwinden wird. Aber ob er in der Zukunft die gleiche Dominanz im Stadtbild haben wird, könnte nach Corona offener denn je sein. Vielleicht steht dann wieder der herrlich sichelförmige Strand des einstigen Fischerdorfes im Mittelpunkt des Urlaubserlebnisses. Bei hoffentlich saubererem Meerwasser in der Bucht.

Diesen Text gibt es auch als Hörbeitrag mit Fotoshow auf unserem Youtube-Kanal:

Weil Pattaya mehr ist als hier beschrieben, gibt es demnächst in einen weiteren Beitrag:

„Tag & Nacht in Pattaya: Gesichter einer Stadt.“

Hier noch ein Link zu einer aktuellen SFR-Reportage über die Lage in Pattaya.

10 Gedanken zu “Es war einmal in Pattaya?

    1. Vielen Dank für das Lob. Ja, Thailand hat viele Seiten. Wir bemühen uns, davon einige hier darzustellen und dabei ist viel Licht, aber auch Schatten. Wie überall. Blieben Sie uns gewogen.

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